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„Fuck you“ von Luise Gubitzer

Beinahe eine Buchrezension zum Internationalen Frauentag am 8.3.2017

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„Eine Poesie des „Fuck you““ ist die Überschrift eines Kapitels in dem 2016 erschienenen Buch einer jungen Feministin, Margarete Stokowski, mit dem Titel „Untenrum frei“.

An unterschiedlichen Stellen des Buches erklärt sie warum sie Feministin geworden ist. Ein Grund ist, weil sie anerkennt und dankbar ist für das, was andere Feministinnen früher für sie erkämpft haben, von dem sie heute profitiert. Es sind vor allem die Freiheit von und die Freiheit zu. Feministinnen haben erkämpft, frei von patriarchalen Abhängigkeiten zu sein, die Freiheit zu wählen und gewählt zu werden, die Freiheit einer Erwerbsarbeit nachzugehen, ein eigenes Einkommen zu erzielen und darüber frei zu verfügen, die Freiheit sich jede Art von Bildung anzueignen und jede Art von Beruf auszuüben, die Freiheit über den eigenen Körper zu verfügen. All diese Freiheiten werden durch Gesetze gewährt, durch eine demokratisch legitimierte Rechtsordnung und Rechtsinstanzen. Ab der Erkämpfung des Wahlrechts haben Frauen die Rechtsordnung und die Demokratie wesentlich mitgestaltet, weil gilt: eine Person eine Stimme.

Ich denke, bei Wahlen ist das noch immer so. Aber, was davor und danach geschieht, ist nicht so. Wer mehr Geld hat, hat mehr Einfluss. Und das sind mehrheitlich nicht Frauen. Weder als Eigentümerinnen von großen Vermögen noch als Entscheiderinnen über große Beträge im Topmanagement.
Vor und nach Wahlen geschieht Entscheidendes. Einflussnahme erfolgt z.B. durch Netzwerke, früher haben Frauen das Patriarchat genannt. Mit dieser werden Wahlen gewonnen und danach werden interessensgeleitete Gesetze beschlossen, Verträge abgeschlossen und erfolgt die Hinterfragung von Entscheiden Oberster Gerichte. Dabei geht es großteils noch nicht um Gleichstellungsgesetze. Aber es geht um die Untergrabung der Demokratie und der Rechtsordnung und daher sollten Frauen ihre Stimme erheben, die Gefahren zur Sprache bringen und die Vorgänge beeinspruchen.

Das Bundesverwaltungsgericht hat die Aufgabe zu prüfen, ob ein Bescheid auf Basis von Verträgen und Gesetzen verfahrensgemäß erfolgt ist. Er prüft das gesetzmäßige Handeln von Verwaltungsbehörden. So hat er das auch bei der Prüfung des Baus einer dritten Piste am Wiener Flughafen getan. Alle Unterlagen, die er herangezogen hat, wurden von demokratisch gewählten Politiker_innen beschlossen und unterzeichnet. Und jetzt sind es demokratisch gewählte Politiker, die diesen Entscheid auf das Schärfste kritisieren. Was geschieht da? Dass diverse Manager und Kämmerer den Entscheid kritisieren, wundert mich nicht. Sie haben Geschäft, Umsatz, Gewinne, Macht im Kopf. Aber demokratisch-legitimierte Politiker?

Das ist nur ein aktuelles Beispiel für Vorgänge in Österreich. Auf EU-Ebene ist ein Beispiel die Nicht-Reaktion der EU als in Rumänien das Antikorruptionsgesetz novelliert werden sollte. Nicht EU-Gremien haben das massiv beeinsprucht, sondern die Bevölkerung Rumäniens hat die Zurücknahme erreicht. Auf wie lange? Die EU lässt zu was mit der demokratischen Rechtsordnung in Polen und in Ungarn geschieht und sie macht Verträge mit jenem Mann, der fundamentale Rechte außer Kraft setzt und gegen 2854 Richter_innen und Staatsanwält_innen Haftbefehle erließ, mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Demokratisches Recht ist durch Politiker und auch durch manche Politikinnen, wie Marine Le Pen, gefährdet.

Recht ist aber auch gefährdet durch Unternehmen, die über Parteienfinanzierung, Medienbesitz, Bezahlung teurer Lobbyisten Politiker_innen für ihre Interessen gewinnen. Das offensichtlichste Beispiel sind die Vorgänge in den USA. Hunderttausende Frauen mit pinkfarbenen „Pussy-Hats“ sind dagegen beim „Frauenmarsch auf Washington“ im Jänner 2017 auf die Straße gegangen.

Die Rechtsordnung wird sowohl von Politiker_innen als auch von Unternehmen und Vermögenden massiv für ihre Interessen umgestaltet. Sowohl der Vorgang, als auch die Ergebnisse sind alarmierend. Recht und Demokratie sind die zwei Fundamente, die Frauen die Freiheit von und die Freiheit zu ermöglichen. „Fuck you“ ist notwendig und nicht nur „eigentlich“ sondern wirklich, wenn diese gefährdet sind.

In Kapitel 6 verweist Margarete Stokowski auf einen Text von Kurt Tucholsky aus 1928 in dem steht, dass „eigentlich“ kein Wort, sondern eine Lebensauffassung sei. Menschen leben vor sich hin, sagen aber „eigentlich“ seien sie was völlig anderes: Rebellen, Dichter. Sie schreibt: „In den schwachen Momenten neigen wir dazu, unsere Haltung hinter einen Satz zu schieben, der mit „eigentlich“ anfängt und dabei zu vergessen, was unsere Handlungsmöglichkeit wäre, das heißt: was unsere Freiheit ist. Für diese Momente hilft es, eine Poesie des „Fuck you“ zu entwickeln und in sich zu tragen, wie ein Mantra“ (S.189). So könne die eigene Handlungsfähigkeit erhalten bleiben und Frauen sich erinnern, wofür sie stehen. Das „Fuck you“ kann eine „magische Formel“ sein, die stärkt „für unsere Ziele zu kämpfen“. „Ein Großteil feministischen Handelns besteht darin, sich nicht verarschen zu lassen.“ Nicht durch Ablenkung, nicht durch Beschimpfung, nicht durch Verbreitung von Mythen, Vorurteilen und Klischees, nicht durch den Vorwurf der Übertreibung der „political correctness“ durch geschlechtersensible Sprache. Es gibt konstruktive Kritik und es gibt „Fuck you- Anwärter*innen“ (S. 190). Das „Fuck you“ kann daher eingesetzt werden als Mantra, zur Gelassenheit gegenüber Kritik, zur Selbstvergewisserung um die Stimme zu erheben und um klar zu machen: Mit mir nicht.

Mit dem Mantra „Fuck you“ sollen sich Frauen stärken, wenn sie unsicher werden, ob der Feminismus noch gebraucht wird. Denn die Kritik gegenüber Feministinnen ist wieder härter geworden. Feministinnen würden „übertreiben“, verhielten sich „bescheuert“, seien „anstrengend“, hätten kein Verständnis für Notwendigkeiten wie zum Beispiel für die, dass so viele Männer Präsidenten seien oder in Vorstandsetagen sitzen, weil es keine qualifizierten Frauen gäbe; oder dafür, dass es eben eine Notstandsverordnung und ein Fremdenrechtspaket, eine Sicherheitsdoktrin und eine dritte Startbahn am Wiener Flughafen braucht.
Der Feminismus würde im 21. Jahrhundert in Europa nicht mehr gebraucht werden, wird behauptet. Jene, die das meinen fragt sie: „Heißt das, Du glaubst, das hier ist der Endzustand?“ (S. 193): Die 22% Gender Wage Gap; der geringe Anteil von Frauen in Führungspositionen; 12 Stunden Erwerbsarbeit pro Tag; die sexuelle Gewalt gegen Frauen; die Art, wie wir leben; die Präsidenten Orban, Duda, Erdogan in Europa und Trump in den USA? Das alles soll „das abschließende Ergebnis aller Kämpfe und Diskussionen um Gleichstellung sein?“ (S. 193) Sie meint, dass es das nicht sein kann und schreibt: „Ich will nicht, dass Olympe de Gouges (1748-1793) ihren Kopf dafür hergeben musste, dass wir uns heute umschauen und sagen: Mehr geht nicht. Wir würden damit alle verarschen, die uns hierher gebracht haben, und ich verarsche nicht gerne Menschen, die etwas für mich getan haben. Also machen wir weiter, und wir brauchen keine Erlaubnis dafür: „I need no permission, did I mention“ zitiert sie Beyoncé“ (S. 193).

Wichtig ist, dass Frauen nicht aufhören Zustände, die ungerecht sind als Ungerechtigkeit zu sehen, darüber Wut zu empfinden und diese auch auszudrücken. Solche Zustände sind kein Naturgesetz, kein Sachzwang, keine Notwendigkeit, dass sie so sein müssen. Sie sind zu verändern.

Hannah Arendt (1958/1994, S. 180) schreibt, dass „das Handeln und Sprechen … sich in dem Bezugsgewebe zwischen den Menschen“ vollzieht. Mit „politisch handeln“ wird ein eigener Faden in das gesellschaftliche Gewebe gewebt, das man nicht selbst gemacht hat. Ein solches Gewebe ist der Feminismus. Ein Gewebe, das unsere feministischen Ahninnen begonnen haben zu weben. In dieses weben sich junge Feministinnen ein und entwickeln und tragen den Feminismus weiter. Das tun sie unter anderem in dem sie das Wort ergreifen. Und sei es nur mit einem „Fuck you“.

Durch das öffentliche Bildungssystem, das Feministinnen miterkämpft haben, sind viele Frauen sprach-, kritik-, und reflexionsfähig geworden. Manche, wie Frau Stokowski, melden sich daher „radikal“ zu Wort. Was für sie bedeutet, dass man genau und präzise sagt, was man meint und was ist. Sprache ist das, was wir teilen. Über Sprache sind wir fähig uns mit anderen zu verständigen. „Aber die Sprache mit der ich das alles formuliere, ist nicht meine, ich habe die Worte nicht erfunden, ich leihe sie mir nur aus und gebe sie an die Welt weiter“ (S. 196) Damit sich Frauen wie sie, Worte leihen können, ist es notwendig, dass es auch weiterhin feministische Forschung gibt in allen Bereichen. Auch und gerade in der Ökonomie. Denn Feministische Ökonomie gibt Wissenschaftlerinnen die Möglichkeit Ökonomie anders zu denken, neue Begriffe zu entwickeln, ungerechte Zustände sprachlich zu benennen und Maßnahmen zu deren Veränderung zu formulieren. Aber auch dazu braucht es die rechtlich gesicherte Forschungsfreiheit. Margarete Stokowski schließt ihr Buch mit dem Satz: „Ich habe an das Aufstehen und an das Liegenbleiben geglaubt, an die Ruhe und den Sturm, und ich weiß nicht, was noch kommt und woran ich in meinem Leben noch glauben werde, aber ganz sicher niemals ans Schweigen.“ (230).

Die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Demokratie, ihrer Rechtsordnung, und Rechtsorgane ist die Voraussetzung das Frauenrechte gewährt sind. National, supranational und international ist das keine Selbstverständlichkeit – mehr. Es gibt Entwicklungen, die die Demokratie und die demokratische Rechtsordnung als altmodisch, überholt, ja als dekadent erscheinen lassen. Politiker machen sich breit, die für sich das Führerprinzip in Anspruch nehmen und die den Rechtsstaat als „Normenstaat“ in einen „Maßnahmenstaat“, einen „Repressionsstaat“ umändern.

Feminismus ist international, vielfältig, aber niemals neutral und schweigsam.

Auch dazu nicht.
Literatur:
Stokowski, Margarete (2016): Untenrum frei. Rowohlt. Hamburg.
Arendt, Hannah (1958/ 1994): Vita Activa oder Vom tätigen Leben. Piper. München/ Zürich.

Luise Gubitzer ist Ökonomin und Professorin am Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie, Department Volkswirtschaft, WU Wien, luise.gubitzer@wu.ac.at

14. April 2017 More

Friedensapell WILPF – Rom Erklärung April 2017

Frauen vereint für ein friedliches Europa in einer friedlichen Welt

WILPF – Rom-Erklärung als pdf hier

Europa steht 2017 am Scheideweg – Kooperation und Errungenschaften stehen auf dem Spiel. 60 Jahre nach den römischen Verträgen hat die EU viel Kredit verloren bei Frauen, die an Frieden und Gerechtigkeit, ein gutes Leben in Sicherheit und Beteiligung an Entscheidungen glaubten.

Unsere feministische Vision war und ist inklusiv, gleichberechtigt, demokratisch, gerecht, nachhaltig und friedlich. Sie setzt auf Pluralismus, Diversität und die Garantie von Rechten. Sie ist für IFFF/WILPF die Brücke von der Vergangenheit in die Zukunft.

 

WAS UNS SCHON IMMER UND AUCH HEUTE BEWEGT:

    • Die Notwendigkeit, gemeinsam Nationalismen und Traumata vom Krieg zu überwinden, unsere grenzüberschreitende Zusammenarbeit, um gegenseitiges Vertrauen und Solidarität zu befördern in einer offenen und säkularen Gesellschaft.
    •  Die EU ist nicht nur ein Raum für Geld und Märkte. Europa ist mehr als die EU. Europa ist die Heimat ihrer BürgerInnen und derer, die bei uns Zuflucht gefunden haben und finden, weil sie ihre Heimat und Lebensräume verlassen mussten.
    • Es gehört zum kulturellen Erbe Europas, dass Menschen Mauern eingerissen haben und grundlegende Freiheiten und Demokratie mit gleichberechtigter Beteiligung von Männern und Frauen geschaffen wurden.
    • Die meisten EuropäerInnen haben die Lektion aus dem Kolonialismus verstanden und respektieren universelle Menschenrechte als Teil globaler Verantwortung auch für den Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen, ohne Natur zu schädigen und Menschen auszubeuten.
    • Die Wirtschaft muss den Menschen dienen und nicht Profite und Interessen einiger Weniger. Menschliche Sicherheit wird erreicht durch die Vermeidung von Konflikten und dem Schutz von Frauen.

 

HERAUSFORDERUNGEN FÜR UNS FRAUEN 2017: FÜR EINE FRIEDLICHE UND GERECHTE ZUKUNFT:

Die EU steht für ein ökonomisches Modell, das Ungleichheiten und Ungerechtigkeit überall auf der Welt vergrößert hat. Die Kluft zwischen arm und reich wächst auch in unseren Gesellschaften. Die Interessen multinationaler Unternehmen, Austeritätsmaßnahmen, ungerechte Steuersysteme, das Fehlen und Abbau öffentlicher Sozial-und Gesundheitssysteme – einschließlich reproduktiver Rechte – bedrohen die Grundlagen unseres Gemeinwesens, die Unabhängigkeit von Frauen und ihre gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe.

Die EU wird zu einem Raum der Exklusion, wo Regierungen neue Mauern bauen, “effiziente” Pushbacks für Flüchtlinge organisieren, Deals mit undemokratischen Führern vereinbaren, um neue “sichere Herkunftsstaaten” zu definieren und weiter die Festung Europa militarisieren. Diese Politik steht oft im Widerspruch zu Völkerrecht und internationalen Menschenrechtsvereinbarungen.

In der EU herrscht Angst vor, die von populistischen/nationalistischen Politikern und rechten Medien geschürt werden. Frauen sind nicht nur mit alten Formen patriarchaler Unterdrückung konfrontiert, sondern kämpfen gegen neue Formen der Diskriminierung, die „Gender“ als Kategorie bekämpfen und offen Rassismus und Hass predigen. Viele wenden sich an autoritäre Führerfiguren, die einfache Lösungen für komplexe Probleme versprechen.

Das Konsum-und Produktionsniveau (und die Produktionsweise) in der EU und in Europa verschärfen den Klimawandel und sind eine zusätzliche Quelle für Konflikte, Hunger und Zwangsmigration.

Der militärische Pfeiler der EU wird ausgebaut mit der Implementierung der neuen “Global Strategy”, dem Outsourcen des Grenzmanagements an die NATO. Die Steigerung der Militärbudgets in den Mitgliedsstaaten, die Ausrüstung mit neuen Waffengenerationen und ein nukleares Revival in Verbindung und Neubekräftigung der Abschreckungslogik ist extrem gefährlich.

 

WILPF FRAUEN ARBEITEN DARAN, DASS SICH ETWAS ÄNDERT

WILPF ist die älteste Frauenfriedensorganisation. Im Geiste unserer Gründungsmütter und eingedenk der aktuellen gefährlichen Entwicklungen sind wir überzeugt, dass es höchste Zeit ist, sich für ein anderes friedliches und gerechtes Europa einzusetzen. Ligafrauen aus ganz Europa haben sich in Rom getroffen, um unsere Rolle „agents of change“ zu bestätigen. Wir betonen unseren Mut, komplexe Antworten auf komplexe und globale Fragen zu geben. Wir arbeiten über Grenzen hinweg mit unseren europäischen Sektionen und Frauen aus Nachbarregionen in vielen Netzwerken und im Rahmen einer globalen Verantwortung zusammen. Wir werden weiterhin mit einer Genderbrille die Wurzeln von Kriegen und Gewalt benennen und für gewaltfreie Aktionen mobilisieren.

 

WIR RUFEN UNSERE REGIERUNGEN; PARLAMENTARIERINNEN UND EU INSTITUTIONEN AUF

    • Move the money from war to peace! Investieren sie das Geld wo es dringend gebraucht wird für die Menschen: in sozialer Sicherheit, Bildung, Gesundheit und Gleichberechtigung!
    •  Stoppen Sie den Waffenhandel in Konfliktregionen und beachten sie den Zusammenhang von Waffenlieferungen und geschlechtsbezogener Gewalt (CEDAW), verringern sie die Produktion von Klein-und Leichtwaffen und insbesondere Massenvernichtungswaffen!
    •  Nehmen Sie aktiv Teil und Anteil an den gerade begonnenen Verhandlungen zu nuklearer Abrüstung.
    • Bauen Sie die NATO ab, entnuklearisieren Sie Europa und stoppen Sie die Abschreckungslogik!
    •  Investieren Sie in eine Globale Strategie, die der Prävention Vorrang gibt und eine weitere Militarisierung unserer Gesellschaften verhindert!
    •  Setzen Sie die Nachhaltigen Entwicklungsziele um (SDGs), unter besonderer Berücksichtigung Ziel17
    •  Schaffen Sie ein Asylgesetz, das nicht nur menschenrechtliche und völkerrechtliche Vorgaben erfüllt, sondern Priorität für den Schutz, die spezifischen Bedürfnisse und eine sichere Unterbringung für Frauen und Mädchen gewährleistet, gegenüber patriarchalen Strukturen und geschlechtsbezogene Gewalt in ihrem Herkunftsland, auf der Flucht und in Europa. „Frauen und Flucht“ muss integraler Bestandteil der Nationalen Aktionspläne zur UNRes 1325 sein!
    •  Respektieren sie die Women, Peace and Security/WPS Agenda mit der Umsetzung der UNRes 1325, ohne diese für militärische Ziele zweckentfremden!
    • Unterstützen Sie Frauenprojekte, Kooperation, Frauenforschung und Friedenserziehung als Teil der Bildung einer Kultur des Friedens!
    • Verstärken Sie neue Modelle von Konsum und Produktion, die die Grenzen des Wachstums und die Gemeinwohlökonomie einbeziehen!
    •  Respektieren sie die uneingeschränkte Bedeutung von Gleichberechtigung und der Care-Wirtschaft, die Teil eines Frühwarnmechanismus für eine friedliche und gerechte Gesellschaft sind.
    •  Ratifizieren Sie die Istanbul Konvention und implementieren sie entsprechende Schutzmaßnahmen gegen sexualisierte Gewalt!
    •  Tragen Sie aktiv zu Klimaschutzmaßnahmen bei durch die volle Umsetzung des Pariser Abkommens mit einer gendergerechten Agenda!
    • Stoßen Sie mit uns 1000 Ideen und Visionen für die Ausbildung eines Europa der BürgerInnen an: Europäische (Tage in ) Schulen und Institutionen, Europäischen Zivildienst, mehr Erasmus und andere Austauschprogramme, billiges “Interrail,” cross border Festivals, Schaffung europäischer Medien
4. April 2017 More

Von der Not-Wendigkeit sexistischer Werbung und Adbusting als Subversion des Augenblicks / Ulli Weish

Artikel für Katharina Sarikakis Blog univieannamedialab.worldpress.com

Von der Not-Wendigkeit sexistischer Werbung und Adbusting als Subversion des Augenblicks

Ulli Weish 14.7.2016
Die Europameisterschaft 2016 im Fußball ist vorbei. Als verlässliche Begleiter konnten auch heuer wieder vielfältige Sexismen insbesondere in der Sportwerbung beobachtet werden. Verlässlich wie redundant arbeitet der internationale Sportwettenanbieter bet-at-home wiederholt mit plumpem Sexismus und lässt sich seine Kampagne mit Printsujets als Spanner-Plakate gestalten. Zur Erinnerung: Eine junge dunkelhaarige nackte Frau mit Blick in die Kamera hält einen Fußball unter dem Arm, freier Blick auf Po und Seitenansicht des Busens stehen im Zentrum des Sujets, umrahmt mit schwarzen Rändern, um den Eindruck eines Fernglases zu erzeugen, das auf sie gerichtet ist. Der Werbespruch daneben wirbt mit ‚Das Leben ist ein Spiel‘. Die für die Gestaltung verantwortliche Agentur Ganterundenzi ist ebenso wie der Auftraggeber für keine Stellungnahme bereit, nichtmals für den ORF im Laufe der gesamten folgenden Kalenderwoche, weder für das Kulturjournal am Mo, 4.7.2016 noch für orf.on (http://orf.at/stories/2348315/ ), und schon gar nicht für alternative kritische Medien. Die Agentur deutet die öffentliche Kritik zu ihren Sujets als mangelnde Liberalität, fehlende Lebensfreude und moralischen Konservativismus um (http://www.gantnerundenzi.com/kritik/ ). Mit Sexismus möchten sie sich nicht befassen, weder mit verschiedenen Lesarten, ob intendiert oder nicht, noch mit möglichen Folgeschäden einer sexistischen Rezeption, die breit und divers ist und niemals monokausal begründbar sein kann, wenn Übergriffe auf Frauen und Mädchen stattfinden. Überall, zu jeder Zeit, in jeder Stadt, in jedem Staat, kulturell anerzogen, medial dramaturgisch angelegt und seit den poststrukturalistischen Debatten rund um Postfeminismus (vgl. Gill 2015: 249) ironisiert, ambivalent lesbar, und dadurch amorph. Kritische Werbewirkungsforschung geht von verschiedenen Zielgruppen und Betroffenen aus, sexistische Werbung ist daher besonders triggernd für Opfer von sexuellen Gewaltverbrechen (Blake 2015: 92f.).

Die Kritik des österreichischen Werberats zum betreffenden Sujet – siehe http://www.werberat.at/beschwerdedetail.aspx?id=4829 – ebenso wie die der drei österreichischen Watchgroups gegen Sexismus in der Werbung in Graz (http://www.watchgroup-sexismus.at/cms/?p=2212 ), Wien (seit 2. Juni http://www.werbewatchgroup-wien.at/entscheidungen/aktuelle?_%5BADS%5D%5Bid%5D=3379 und Salzburg ( http://www.watchgroup-salzburg.at/2016/06/26/sexistische-werbung-des-wettanbieters-bet-at-home-com/

war eindeutig, aber dennoch wirkungslos, da ohne Konsequenzen ausgestattet. Die Selbstregulation der Werbebranche durch den Österreichweit agierenden Werberat (ÖWR) hat zweifelslos an Bedeutung zugenommen, doch allzu wirksam ist das Instrument in Fällen wie diesem nicht. Der Mechanismus ist bekannt und altbewährt. Denn wenn auch selten wie in diesem Fall einhellig die Plakatkampagne von bet-at-home als sexistisch verurteilt wurde und die Betreiber ersucht wurden, die Kampagne einzustellen, doch die Auftraggeber sich schlichtweg weigern (was ihr Recht ist, denn Selbstregulation baut auf Verständigung und Selbstreflexion auf, Sexismus in der Werbung ist bislang kein Tatbestand, siehe Rechtslage http://www.werbewatchgroup-wien.at/files/Int_nat_Rechtsrahmen_Mag.a_Kappel_20131029.pdf ), passiert genau nichts. Kein Risiko für Tabubrecher in der Agentur-Szene – sondern symbolische Gratifikation als Hippster-Coolness und Rebellen-Image, kein Rechtsbruch für Wiederholungstäter bedenklicher Produkt- und Dienstleistungen (zur Erinnerung: es geht um das Produkt Internet-Sport-Wetten, der Geschäftsführer geht von einer ‚gelungenen Kampagne für die Zielgruppe‘ aus, vgl. http://kurier.at/leben/bet-at-home-werbung-die-an-sexuellen-uebergriff-grenzt/203.718.293 ).

Adbusting und Culture Jamming als Markenkritik

Wenn zivilgesellschaftliche und brancheninterne Kritik nicht fruchtet, eignet sich feministischer Aktivismus und Satire, die sexistischen Mechanismen darzustellen und zu persiflieren, wenn genderegalitäres Bewusstsein zu Sexismus fehlt. Die Plattform 2000frauen, eine zivilgesellschaftliche feministische Gruppe aus Wien (http://zwanzigtausendfrauen.at ) initiierte daher ein Adbusting, ein Werbefake als „Sommerloch-Aktion zur Fußball EW“. Sie produzierte ein Sujet von bad-at-home mit nacktem Männerhintern und freiem Blick auf die sekundären männlichen Geschlechtsorgane, daneben platziert obligatorischer Fußball, ebenso umrandet mit schwarzem Ferngucker und kreierte 6 Werbesprüche, die in der Tonalität den Doppelsprech sexistischer Werbetexte ironisieren (Bilder und link zu Aktion der Plattform: http://zwanzigtausendfrauen.at/2016/06/fake-zum-sommerloch/).

Die Reaktionen auf Twitter und Facebook zu der Gegenkampagne (bet-at-home wird zu bad-at-home) waren vorwiegend positiv, da vor allem aus profeministischer Szene die Bilder und der ironische Text gepostet wurde. Reaktante Einzelfeedbacks zur Ästhetik der Fakes wurden ebenso mitgeliefert. Wie nun der Umgang in den sozialen Netzwerken mit Nacktheit und Sexismus bzw. deren kritische Ironisierung praktiziert wird, beschrieb die Journalistin Alexia Weiss in der Wiener Zeitung (http://www.wienerzeitung.at/meinungen/blogs/juedisch_leben/830352_Anstoessig.html ), Grundtenor: Faschismus im Netz wird kaum geahndet, eine nackte Abbildung, selbst wenn es sich um Kritik, Satire oder Aufklärung handelt, wird in Sekundenschnelle von Facebook gelöscht. Auch der Vergleich mit dem Originalsujet erstaunt: Die Standard Journalistin Olivera Stajic‘ versuchte daraufhin ein kleines alltägliches Sozialmedia-Experiment: Sie postete das Originalsujet von bet-at-home auf Facebook und bekam keine negative Reaktion, das Nacktbild der Dame blieb, doch das Fakebild vom nackten Mann war nach 20 Minuten weg, verschwunden, zwangsgelöscht, vgl. http://derstandard.at/2000040926434/Gegenkampagne-persifliert-sexistische-Werbung

Conklusio für Rechtssicherheit

Subversion als Alltagshandlung gegenüber normalisierenden Sexismen können nicht das Problem – die Aufmerksamkeitsökonomie des Spannens und Starrens – per se verändern. Sie spielen mit der abweichenden Lesart, die das Ungewohnte für das Gewöhnliche einsetzt und damit schockiert (Lasn 2008: 15). Durch die Emotionalisierung und das kritische Selbstbeobachten im Umgang mit ungewohnten bzw. in diesem Fall tabuisierten Bildern kann kritisches Bewusstsein geschaffen und vertieft werden. Das Ziel ist hier ein pragmatisches und konkretes: Die aktuelle Rechtslage in Bezug auf Glückspiel und Sexismus in der Werbung muss hinterfragt und neu geregelt werden (vgl. Völzmann 2014), damit kollektive Lesarten relevant werden und normalisierende Abwertungspraxis (Sex sells als eine dominante Spielart unkreativer Werbung) strafbar wird. In Zahlen messbar, in Geldstrafen verwertbar. Denn Selbstregulation allein setzt Verbindlichkeit bei allen Akteur_innen der Werbeszene voraus, eine Annahme, die in der Praxis falsch sein muss, da Werbung durch Tabubruch ‚funktioniert‘. Das praktizistische Doublebind kann nur durch Rechtssicherheit für alle Beteiligte aufgelöst werden: für die Kreativen als Bild- und Textproduzent_innen, für die Auftraggeber_innen als Finanziers, und für die Rezipient_innen als Käufer_innen, Adressat_innen von Werbung und als Zwangsinformierte, die im öffentlichen Raum den Werbebotschaften ausgesetzt sind. Gerade wenn Werbung so dominant sichtbar und überall – in jedem sozialen wie medialen Umfeld eingebaut ist – muss Werbung gesellschaftlich neu verhandelt und geregelt werden.

Literatur:
Blake, Christopher (2015): Wie mediale Körperdarstellungen die Körperzufriedenheit beeinflussen. Eine theoretische Rekonstruktion der Wirkungsursachen. Springer VS, Wiesbaden.
Gill, Rosalind (2015): Gender And The Media. Polity Press, Cambridge.
Lasn, Kalle (2008): Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung. Orange Press, Europrinting Mailand.
Völzmann, Berit (2014): Geschlechterdiskriminierende Wirtschaftswerbung. Zur Rechtmäßigkeit eines Verbots geschlechterdiskriminierender Werbung im UWG. Nomos Verlag, Baden-Baden.

Ulli Weish, Maga. Drin, ist seit 1996 Lektorin am Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie seit 2011 am Institut für Kultur- und Sozial-Anthropologie im Bereich Gender Studies, Expertin der Wiener Watchgroup gegen Sexismus in der Werbung und Medienaktivistin der Plattform 20000frauen.at. Im April 2016 erhielt sie für ihre zahlreichen ehrenamtlichen feministischen Aktivismen einen der drei Preise des Österreichischen Frauenrings.

16. September 2016 More

Frauen, der ökonomische Faktor – Volksstimme Oktober 2016

Soziale Repression

Frauen, der ökonomische Faktor

Tausend Mal beklagt, immer wieder gesagt und dennoch unerhört: Die Krise des Sozialstaates trifft Frauen in besonderem Maß. „Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen, damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Lasst uns die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche in unserem Munde sind!“ (Bert Brecht)

Es ist die Zeit der Monster, sagten wir in der Redaktionssitzung. Und tatsächlich: Monströse Arbeitsbedingungen, überhandnehmende Ungleichheit, extreme Ausbeutung der Ware Arbeitskraft, wohin man und frau blickt: steigende Armut und Arbeitslosigkeit, steigender Reichtum. Und viel Arbeit, die zu erledigen, aber unbezahlt ist. Wie wirkt sich die soziale Repression auf Frauen aus?

Weibliche Alltagsgeschichten

Einer der letzten schönen Sommerabende im August. Nach dem Baden im See gehen meine Freundin und ich ins Café der Bootsanlegestelle am Ottensteiner Stausee, um den lauen Abend ausklingen zu lassen. Die Kellnerin ist kurz und knapp, ja, was zu trinken gibt es noch, aber um 19 Uhr ist eigentlich Sperrstunde. Ich schaue mir das müde Gesicht der Frau an. Ich frage, ab wann sie denn heute im Dienst gewesen sei. Seit acht sei sie hier, sagt sie. Anstrengend, sage ich, der Acht-Stunden-Tag ist also passee? Das ist Saisonarbeit, meint sie, tagein, tagaus im Sommer, sie sei froh, den Job zu haben, sie pendle von Hadersdorf bei Krems hierher. „In der Saison hast du vollauf zu tun, und im Winter gehst du stempeln.“

Die teilzeitbeschäftigte Sekretärin eines gemeinnützigen und finanzschwachen Wellness-Vereins wird seit Jahren in den Sommermonaten in die Arbeitslose geschickt – mit einer Einstellungszusage für den Herbst. Dann beginnt die intensive Arbeit und es geht rund um die Uhr. In den Sommermonaten sind die Klient_innen, die sich Wohl und Wellness leisten können, auf Kreta oder sonst wo. Die Sommerarbeitslosigkeit bedeutet für die Sekretärin, eine Alleinerzieherin: 400 Euro weniger im Monat und keine Anrechnung der Dienstzeiten für die Pension. Aber sie ist froh, diesen Job zu haben, sagt sie.

Die 73jährige Pensionistin war zeitlebens Hausfrau, um sich den Kindern zu widmen. Sie war bei ihrem Mann mitversichert. Fünf Jahre lang hat sie ihre Mutter bei sich zu Hause betreut, gepflegt und in den Tod begleitet. Jetzt, nachdem die Betreuungslast von ihr abgefallen ist, machen gesundheitliche Beschwerden eine schwere Herzoperation notwendig, sicher auch ein Resultat der jahrelangen Intensivbetreuung ihrer alten Mutter. Der Rehab-Aufenthalt nach der OP wird von der Pensionsversicherung abgelehnt, für Mitversicherte gelte das nicht. Schließlich bewilligt die Wiener Gebietskrankenkasse nach Bittgesuchen doch einen Rehab-Kuraufenthalt. Sie ist erleichtert und dankbar.

Die 40jährige Betriebsratssekretärin eines großen Konzerns stöhnt: „Arbeit, Arbeit, Arbeit – ich arbeite Vollzeit, habe 50 Gutstunden und falle tot um, wenn ich abends nach Hause komme. Dabei arbeite ich sehr gerne.“

Vier typische Frauenschicksale aus meinem engen Freundinnenkreis. Und alle sagen danke für die Ausbeutung. Hauptsache einen Job haben, wie und unter welchen Bedingungen ist egal. Wo also ist der Widerspruch zu verorten – viel Arbeit, viel Arbeitslosigkeit, viel Ausbeutung?

Gleichstellungskennzahlen, Frauenmonitor

„Die Arbeitslosigkeit nimmt seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008, trotz einer leichten Erholung 2011, kontinuierlich zu“, heißt es im eben erschienenen Bericht zu Gleichstellungskennzahlen 2016 des AMS.1) „2015 erreichte die Arbeitslosigkeit neue Höchstwerte: Der Jahresdurchschnittsbestand von 354.332 Arbeitslosen ist der höchste seit 1945. Auch die Arbeitslosenquote von 9,1% ist die höchste der 2. Republik.“

Frauen sind nur scheinbar weniger von der krisenhaften Entwicklung betroffen, so der AMS-Bericht. Die Auswirkungen treffen sie anders als Männer – beispielsweise durch einen steigenden Anteil an atypischer Beschäftigung. Zwar lag die Frauenbeschäftigungsquote 2015 mit 67,1 Prozent erneut deutlich über dem EU-28-Durchschnitt von 60,4 Prozent, jedoch muss die Quote kritisch betrachtet werden, denn die Frauenbeschäftigung ist vor allem aufgrund von hoher Teilzeitbeschäftigung angestiegen: 47,4 Prozent aller erwerbstätigen Frauen arbeiten in Teilzeit. Zum Vergleich: nur lediglich 11,2 Prozent aller erwerbstätigen Männer arbeiten in Teilzeit.
Teilzeitarbeit garantiert den Frauen in den meisten Fällen kein eigenständiges existenzielles Auskommen und führt im Alter dazu, dass Frauen deutlich weniger Pension bekommen: Bezogen auf die Daten des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger liegen die Alterspensionen der Frauen je nach Art der Berechnung um rund 40 bis 50 Prozent unter den Pensionen der Männer. 1)

Auch die Arbeiterkammer Oberösterreich weist in ihrem Frauenmonitor 2016 nach, dass seit 2005 ist ein massiver Anstieg der Zahl atypisch beschäftigter Frauen zu beobachten ist: „Von der Atypisierung der Arbeitswelt sind Männer und Frauen betroffen, jedoch zeigen sich deutliche Unterschiede in Bezug auf die Art und Qualität der atypischen Beschäftigungsformen. Geringfügige Beschäftigungen, Teilzeit und freie Dienstverträge sind zum überwiegenden Teil Frauensache. Dabei handelt es sich um Beschäftigungsformen, die tendenziell mit einer geringen Entlohnung einhergehen.“2)

Hinzu kommen völlig neue Beschäftigungsformen wie etwa das Crowdworking, die Gewerkschaften und Arbeitnehmer_innen vor ganz neue Herausforderungen stellen: kleines Handwerk für kleines Geld. Unternehmen zerlegen Arbeiten in kleine Projekte und vergeben sie über digitale Plattformen für oft geringe Honorare an Freelancer weiter. In Großbritannien finden sich fünf Millionen Plattformarbeiter_innen, und auch hierzulande steigt ihre Zahl. Bisher galt Crowdworking als Nische, in der Hilfskräfte zu Hause auf ihren Computern simple Aufgaben abarbeiten. Nun schreiben Crowdworker Texte, liefern Chemikalien, testen Handys, entwerfen Verpackungen, planen Häuser, betreiben Marktforschung, entwickeln Software, gestalten Werbekampagnen oder entwickeln neue Produkte – und sie tun dies eben auch im Auftrag großer Konzerne. „Mit der neuen Form des Outsourcings von Arbeit ändert sich die Machtbalance in der Arbeitswelt. Mindestlohn, Kündigungsschutz, Streikrecht, Urlaubsanspruch, Rente, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall – für Crowdworker gilt all dies in der Regel nicht.“ („Zeit online“, 5.5.2016)

Blinde Flecken der Ökonomie

In ihrem Buch „Feministische Ökonomie“ 3) beleuchten Bettina Heidinger und Käthe Knittler die „blinden Flecken der Ökonomie“. Die traditionelle Wirtschaftswissenschaft ist „stumm, taub und blind“ gegenüber dem Geschlechterverhältnis. „Es geht darum, den unbezahlten Teil der Ökonomie – sei es in Form von Haus- oder Subsistenzarbeit – sichtbar zu machen und als wesentlichen Wertschöpfungsprozess zu behandeln; die spezifische Situation von Frauen am Arbeitsmarkt als Arbeitnehmerinnen oder Unternehmerinnen ins Blickfeld zu bekommen; und die Geschlechterblindheit von ökonomischen Prozessen aufzudecken.“3)

Frauen arbeiten mehr, länger und unter- oder nichtbezahlt. „In Österreich wird von den 9,7 Milliarden unbezahlten Arbeitsstunden der überwiegende Teil – rund zwei Drittel – von Frauen verrichtet (Statistik Austria 2009). Bei der bezahlten Erwerbsarbeit dreht sich das Verhältnis um: der Großteil (61 Prozent) wird von den Männern verrichtet. Frauen verdienen – abgesehen von Lohndiskriminierung – nicht deshalb weniger als Männer, weil sie ‚zu wenig‘ arbeiten, sondern weil sie ‚zu viel‘ unbezahlt arbeiten.“ 3)

Das Nationaleinkommen bzw. das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt unterhinterfragt als Wohlstandsindikator. Unbezahlte Haus-, Reproduktions- und Subsistenzarbeit findet dort keinen Niederschlag. Um diese Arbeiten und die Umverteilungswirkungen einer ein- und ausgabenseitigen Budgetpolitik auf das Geschlechterverhältnis sichtbar zu machen, haben feministische Ökonominnen ein alternativ berechnetes BIP vorgestellt. Gender Budgeting analysiert die Wirkungen der öffentlichen Budgets unter Berücksichtigung der spezifischen Lebenssituationen von Männern und Frauen. Dieses Analyseinstrument, mittlerweile als Bekenntnis im Mainstream angekommen, ist in Österreich Teil des Finanzverfassungsgesetzes. Es hebt allerdings den Staat nicht aus den Angeln, denn woher Einnahmen über Steuern oder andere Instrumente kommen und wofür das Geld ausgegeben wird, ist im System kapitalistischer Verwertungslogik eine politische Entscheidung. Die restriktive Austeritätspolitik einer neoliberalen Wirtschafts- und Fiskalpolitik mit ihren Strukturanpassungsprogrammen hat uns vor Augen geführt, dass Bankenrettungen (etwa die Hypo Alpe Adria, an der noch Generationen abzahlen) vor Sozialausgaben gehen (wie die unwürdige Diskussion um die Mindestsicherung zeigt). „Die Kosten der Austeritätspolitik werden auf dem Rücken der Frauen privatisiert und ‚auf die Küche abgewälzt‘…“3

Familienidylle als Krisenauffangbecken

Vor diesem Hintergrund erklärt sich das Wiederaufleben konservativer Lebensmodelle und Familienideologien, die von der politischen Rechten und vom christlichen Fundamentalismus bedient werden. „Die negativen Folgen der Einführung der ‚Hartz-IV-Reformen‘, die (in Deutschland und jetzt auch in Österreich als Modell für Migant_innenarbeit angedacht werden, Anm. B. D.) 2003 in Kraft getreten sind, in Form einer weiteren Prekarisierung des Arbeitsmarktes hatten vor allem Frauen zu tragen“, schreibt Gisela Notz in ihrem Buch „Kritik des Familismus“.4) Notz: „Die Vorhersage, dass die ‚Harzt-IV-Gesetze‘ erwerbslose Frauen verstärkt in die Abhängigkeit von Ehemännern und Lebensgefährten treiben, sollte sich bestätigen. Durch die Rekonstruktion des ‚Familienernährers‘ wird die frauenspezifische Forderung nach eigenständiger Existenzsicherung missachtet.“

Mit dem Harzt-IV-Gesetz taucht der Billiglohnjob als „Innovation“ auf, mittlerweile ist in der BRD jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis ein Mini-Job. Das weibliche „Dazuverdienen“, das auch lange Zeit von den Gewerkschaften ignoriert wurde, restauriert ein antiquiertes konservatives Familienmodell, das fern der Realität ist. Zerrissene prekäre Arbeitsmodelle zerreißen traditionelle Familienformen, während gleichzeitig rückwärtsgewandte Familienideologien (z.B. in der BRD durch ein steuerliches Ehegattensplitting oder hierzulande durch fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen) verfestigt werden. Was der Staat nicht bereit ist herzugeben von seinen Steuermitteln für Soziales, soll individuell durch Ehrenamt und unbezahlte Familienarbeit ausgeglichen werden. Dafür gibt es -zigtausende Beispiele aus dem Gesundheits- und Pflegebereich. Care- oder Sorgearbeit für Kinder, Alte, Kranke wird den Frauen zugeordnet. Oft sind es Migrantinnen, die zu schlechten Arbeits- und Lohnbedingungen grenzüberschreitend pflegerisch tätig sind und die ihre Kinder zurücklassen müssen. „Die Migrationspolitiken des globalen Nordens kanalisieren Migrantinnen in bestimmte Segmente des Arbeitsmarktes wie den Care-Sektor.“ 3)

Tatsache ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht. In der reichen BRD lebten 2013 mehr als 2,4 Millionen Kinder in Armut. „Familien sind nicht arm, weil Väter und Mütter Kinder haben, sondern Familien sind arm, weil sie nicht erwerbstätig sein können, weil es an Betreuungseinrichtungen fehlt, an existenzsichernd bezahlten Arbeitsplätzen oder auch, weil sie aus dem gewünschten Familienbild herausfallen.“4) Beilspielhaft dafür steht die alleinerziehende Mutter.

Was bleibt?
Nichts bleibt wie es ist. Das heißt aber nicht, dass wir die sozialpolitischen Veränderungen schlucken müssen. Viele Denkmodelle beschäftigen sich mit Alternativen zum gängigen neoliberalen TINA-Prinzip (There Is No Alternative). Margaret Thatcher prägte diesen Begriff, der 2010 zum Unwort des Jahres avancierte und der den Abbau des Sozialstaates und wirtschaftsliberale Reformen bei gleichzeitig konservativen Gesellschaftsvorstellungen beinhaltete. Die Globalisierungskritikerin Susan George hat dem TINA-Prinzip den Ausruf „TATA!“ (There Are Thousands of Alternatives! – Es gibt Tausende Alternativen!) entgegengestellt.
Die heterodoxen Wirtschaftstheorien verlangen nach Alternativen, Widerstandsstrategien und Utopien jenseits einer patriarchalen Ökonomie. „Regelgeleitete Fiskalpolitik ist vor allem in Krisenzeiten, wie wir sie im Moment in der Europäischen Union erleben, mit restriktiver Fiskalpolitik – also sinkenden Ausgaben – gleichzusetzen (Klatzer/Schlager 2011, 2012). Sinkt das BIP, sinken die Einnahmen des Staates. Sinken die Einnahmen des Staates, muss irgendwo gespart werden, um das Defizit und den Schuldenstand gleich zu halten.“3) Vor diesem Hintergrund ist der Steuerhinterziehungsskandal von Apple oder anderen Großkonzernen wie Starbucks besonders aufreizend: Jahrelang profitierte Apple aus Sicht der EU-Wettbewerbshüter von unrechtmäßigen Steuererleichterungen in Irland. Die EU-Kommission fordert nun von Apple eine beispiellose Steuernachzahlung von potenziell mehr als 13 Milliarden Euro. Eine Summe, die das irische Haushaltsbudget erreicht – und auf das Irland verzichten will. Der Konzern sitzt aktuell auf Geldreserven von gut 230 Milliarden Dollar und machte allein im vergangenen Quartal 7,8 Milliarden Dollar Gewinn.

Auch Österreich brüstet sich mit steuerschonenden Maßnahmen für Konzerne mit dem Argument, Anreize für Unternehmensansiedelungen, also Arbeitsplätze zu schaffen. Mit dem Resultat, dass die großen Vermögen geschont werden, während Konsumsteuern, etwa die Mehrwertsteuer, Personen mit geringem Einkommen stärker belasten – und die Arbeitslosigkeit steigt.

Frigga Haug hat in ihrer 4-in-1-Perspektive einen anderen Blick auf die Wirklichkeit geworfen: Der Erwerbs- und der Reproduktionsbereich, Kultur und Politik werden in Hinblick auf eine gerechtere Verteilung der Arbeit zusammengeführt. Das wäre eine radikale Form der Arbeitszeitverkürzung, wenn Arbeit mit Erwerbsarbeit zusammengedacht würde. Die Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen ist ein weiterer Denkansatz, den geschlechtergespaltenen Arbeitsmarkt aufzuweichen. Auf der 2. internationalen Marxismus-Feminismus-Konferenz (9. Oktober 2016, Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste, Lehargasse 6-8, 1060 Wien) wird es Gelegenheit geben, die blinden Flecken zu erhellen und alternative Gedanken dazu zu vertiefen.

Bärbel Danneberg

1)Bericht Gleichstellungskennzahlen im AMS 2016, zu beziehen über:
Arbeitsmarktservice Österreich. Arbeitsmarktpolitik für Frauen. Treustraße 35-43, 1200 Wien.
2) Frauenmonitor 2016 Arbeiterkammer OÖ: Die Lage der Frauen in Oberösterreich. ooe.arbeiterkammer.at
3) Bettina Haidinger, Käthe Knittler: Feministische Ökonomie, Mandelbaumverlag kritik & utopie, 2014 (die überarbeitete und erweiterte Neuauflage erscheint dieser Tage).
4) Gisela Notz: Kritik des Familismus, Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes, Schmetterling Verlag, 2015.

16. September 2016 More

Bildergalerie Enquete „Frauen.Bilden.Kritik.“

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alle Fotos: ©Bettina Frenzel

22. November 2014 More

Bildergalerie 27.8.2014 Kundgebung vor irischer Botschaft

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27. August 2014 More

Damit es so bleibt, wie es ist …

Die Plattform 20000frauen zur I-Debatte

Da ist sie wieder, die Binnen-I-Debatte. Sommerlich leicht in den Argumenten („stört den Lesefluss“, „ist umständlich“, „zerstört die deutsche Sprache“) werden die zugrunde liegenden Prinzipien geschlechtersensibler Sprache geflissentlich ausgeblendet. Beachtlich ist die Liste der Unterstützenden des Krone-Briefes, der aktuell von Blatt zu Blatt wandert. Personen aus Bildungseinrichtungen mit Rang und Namen (Konrad Paul Liessmann, Heinz Mayer) sind vertreten – und haben offensichtlich auch kein Problem damit, mit rechten Kreisen zu paktieren (siehe http://fm4.orf.at/stories/1742481/). Der Tenor ist simpel wie Gabalier: zurück zur „Normalität“. Platz gibt’s dafür selbstverständlich im gesamten Qualitäts- wie Boulevardarrangement der sommerlichen Löcher.

Von so viel Medienaufmerksamkeit träumen frauenpolitische NGOs, wenn es um ernste Themen wie Sparpolitiken (Doku Graz, Frauengesundheitszentrum Graz), um Besetzungsfragen (ORF Stiftungsrat, EU-Parlament) oder um strukturelle Gewalt (in der Arbeit, im sozialpolitischen Kontext) geht. Doch Medienlogik funktioniert – leider größtenteils auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk – anders.

Reaktionäre Stellungnahmen – und kommen sie auch noch so absurd daher – finden in den Medien stets Gehör, insbesondere, wenn es sich um (anti-)feministische Debatten handelt. Dabei schien das alpenländisch-konservative Österreich noch vor wenigen Wochen überholt zu sein. Es funkelte der bombastische Regenbogen des Phönixes in allen Farben. Conchita Wurst am Ballhausplatz. Medientaumel, Promidichte. Der merkwürdig selbstgefällige mediale Rausch – sich als gendersensibles queeres Österreich abzufeiern – bremste sich jedoch mit dem Skandal rund um das Life-Ball Plakat („Ich bin Adam. Ich bin Eva. Ich bin ich“) abrupt ein. Kalkuliertes Medienecho, die üblichen ProtagonistInnen als Debattengarnierung folgten. Heterosexuelle geben vor, für ihren Lebensstil diskriminiert zu werden. Das Staunen darüber bleibt ungedruckt.

Und nun, begleitet vom Nach-WM-Fernsehdepressionsschub, kommt die Sprachdebatte im vollen Rückwärtsgang daher. Dazwischen performte noch ein Schlagersänger die Bundeshymne für eine Getränkefirma und trat eine Diskussion um große Söhne los, die wir als politisch interessierte und engagierte Frauen gebraucht haben wie einen Kropf. Nicht, dass Sprache kein wichtiges Thema wäre – ganz im Gegenteil. Die Frauenbewegung(en) haben sich das sprachliche Sichtbarwerden hart erkämpft, die (feministische) Sprachwissenschaft liefert seit Jahrzehnten wichtige Ergebnisse, die nach wie vor darauf warten, von den Massenmedien unters Volk gebracht zu werden.

Was bekannt sein dürfte, ist, dass Sprache sich immer verändert. Ihr ständiger Wandel schließt die zeithistorischen Debatten und Kämpfe um Sichtbarkeit ein. Wer wird genannt? Wer bleibt mitgemeint? Wer bleibt ausgeklammert? Die Debatte ist alt. Alle Argumente für eine geschlechtersensible Sprache sind seit den 1970er-Jahren bekannt – zumal sie Feministinnen und Frauenpolitikerinnen seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig wiederholen müssen.

Sie alle – und damit auch die Plattform 20000frauen – befinden sich in einem merkwürdigen Debatten-Dilemma: Bleiben sie an altbekannten Themen dran, etwa den Lohnunterschieden und der unbezahlten Haus- und Pflegearbeit, ernten sie im besten Fall journalistisches Gähnen, wenn nicht glatt das Gegenteil behauptet wird („Mythos Lohnschere“). Gehen sie auf die Gewaltfragen in der Gesellschaft, in den Familien und den sozialen Strukturen ein, so werden Einzelfälle vermarktet, Storys verdichtet, Klischees und Geschlechterarrangements vernutzt.

Auch Aktivistinnen der Plattform 20000frauen wurden und werden immer wieder mal um Interviews gebeten. Meist handelt es sich dabei um Themen, die stromlinienförmige Profil-Journalisten und kernige Kronenzeitungs-LeserbriefschreiberInnen vorgeben oder die in die Kategorie „Lifestyle“ eingeordnet werden. Aber der Lohn lässt meist nicht lange auf sich warten: Wenn wir uns danach vorwerfen lassen dürfen, wir hätten „keine anderen Sorgen“. Daher ein praktikabler und überaus Platz sparender Vorschlag zur aktuellen Debatte: ab nun das generische Femininum für die kommenden 100 Jahre einzusetzen (Männer sind natürlich mit gemeint), damit wir uns vermehrt den Themen widmen können, um die es uns geht: um Arbeitsbewertung, selbstbestimmtes Leben und Gewaltfreiheit.

Links zum Thema:

Binnen-I bzw. Sprache:

Über Volkstümlichkeit, die Fähigkeit zu Denken und Feministinnen
Ein Beitrag zur Binnen – I Debatte 2014 von Petra Unger

Bitte verteilen:
Olja Alvir fordert die 800 UnterzeichnerInnen des Offenen Briefs auf zu sagen, warum sie gemeinsame Sache mit Rechtsaußen machen! Mitmachen!!!http://www.olja.at/gemeinsam-gegen-das-gendern/

Leitfaden für diskriminierungsfreie Sprache, herausgegeben vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz, Wien 2010

Marlene Streeruwitz in dieStandard.at: Verschönerung des Niedergangs, 16. Juli 2014

BIRGITTA WINKLER, TRAUDE KOGOJ in dieStandard.at: Vorwärts ins Mittelalter, 14. März 2014

Verein österreichischer Juristinnen: WER FRAUEN NICHT BENENNT MACHT SIE UNSICHTBAR, 16. März 2014

FM4 – Michael Fiedler, Zurück in die Vergangenheit, 15. Juli 2014

Anatol Stefanowitsch: DIE FÜNF FREUNDE UND DIE RÜCKKEHR ZUR SPRACHLICHEN NORMALITÄT, 15. Juli 2014

Beate Hausbichler in dieStandard.at: Der herrschende Sprachstil ist ein anderer, 15. Juli 2014

Leonhard Dobusch: Kuriose Koalitionen: Krone, Klenk und andere Sprachkonservative, 15. Juli 2014

Ö1, Unübersehbar. Unüberhörbar. Unsinnig? Moment am Sonntag: Gendern im Alltag, 18. März 2012

GenderKompetenzZentrum: Gender-Aspekte Sprache, 2.1.2010

an:schläge, CARINA KLAMMER und FABIENNE VESPER – an.sprüche: Nach den Sternen greifen, 30. März 2013

Beate Hausbichler in dieStandard.at: Raum für _!, 26. Oktober 2008

Luise F. Pusch im dieStandard-Interview: „Längerfristig bin ich für die Abschaffung des ‚in'“, 7. März 2009

dieStandard.at: Uni führt „generisches Femininum“ für ihre Grundordnung ein, 6. Juni 2013

BEATE HAUSBICHLER in dieStandard.at: „Man“ meint nicht alle, 10. Jänner 2012

dieStandard.at: Geschlechtergerechtes Formulieren, 10. September 2009

Bärbel Danneberg in der Volksstimme: Ö-genormte Unsichtbarkeit, April 2014

Bärbel Danneberg im Augustin: Männer sind mitgemeint, April 2014

Hymne:

Frauengeschichte kann neue Dimension von Größe entfalten, Hilde Schmölzer im Standard am 17. Juli 2014

Elfriede Hammerl in Profil: Beinharter Respekt, 5. Juli 2014

denkwerkstattblog.net: Die Hymne, Gabalier und Werbegelder, 26. Juni 2014

Stellungnahme der Grazer Autorinnen Autorenversammlung zum Disput über die Bundeshymne, 28. Juni 2014

Gastkommentar in dieStandard.at von DUDU KÜCÜKGÖL: Zu schön für einen Schleier, zu klein für die Hymne, 7. Juli 2014

TAZ: Hits mit Blut und Boden, 4. Juli 2014

ALEXANDRA FÖDERL-SCHMID in derStandard.at: Große Töchter, kleine Geister, 4. Juli 2014

16. Juli 2014 More

Käthe Leichter, 1895-1942

„Es ist eine späte Genugtuung, dass eine der größten Frauenkämpferinnen ihrer Zeit, überzeugte Kriegsgegnerin und Antifaschistin Käthe Leichter nun posthum ihre Doktorwürde von der Universität Heidelberg zurückerhalten hat, welche ihr nach der Verhaftung durch die Gestapo entzogen worden war“, so die Frauensprecherin der KPÖ, Heidi Ambrosch.
(09.01.2014)
Wir AntifaschistInnen „freuen uns mit ihrem Sohn und danken ihm für das Ringen darum“. Ambrosch erinnert zugleich daran, dass es der langjährige Leiter des Dokumentationsarchivs und KPÖ-Mitglied Herbert Steiner, war, „der die erste Biographie zu Käthe Leichter verfasste und auf dessen Anregung der Käthe-Leichter-Preis (Österreichischer Staatspreis für die Frauengeschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung) gestiftet wurde“, der seit 1991 – mit einer Unterbrechung zur Zeit der schwarz-blauen Koalition – bis heute jährlich an feministische Forscherinnen vergeben wird.

„Die Texte von Käthe Leichter haben jedenfalls bis heute unschätzbaren Wert für die Schärfung des feministischen Blicks auf Frauenleben und ihre Geschichte“, so Ambrosch.

Mehr zur Vita von Käthe Leichter

18. April 2014 More

Bildergalerie Aktion „Medienkritik“ zum Frauentag 2014

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7. März 2014 More

Bildergalerie „Liebhaberinnen des Radikalen“, 24.-26.10.2013 @ KosmosTheater

Die zwei Plattform-Aktivistinnen Brigtte Theißl und Bettina Frenzel haben begleitend zur dreitägigen Veranstaltung „Liebhaberinnen des Radikalen – 40 Jahre Neue Frauenbewegung“ im KosmosTheater in Wien eine Ausstellung mit dem Titel „ZusammenHalt – 40 Jahre Neue Frauenbewegung in Wien“ gestaltet, einige Frauen der Plattform haben sie mit einer Inszenierung (Regie: Barbara Klein) eröffnet! VALIE EXPORT sprach zur Eröffnung am 25.10.2013.
Die Austellung ist bis 7.12. an Spieltagen zu besichtigen.
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26. Oktober 2013 More

Bildergalerie 16.9.2013 @ KosmosTheater – 40 Jahre feministische Bündnispolitiken – 3 Jahre Plattform 20000frauen

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alle Fotos: ©Bettina Frenzel

17. September 2013 More

Bildergalerie „Besessene Frauen“ – 7.-9.März 2013 @ KosmosTheater

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alle Fotos: ©Bettina Frenzel

11. März 2013 More

Bildergalerie Zeltstadt 12.5.2012 ©Bettina Frenzel

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alle Fotos: ©Bettina frenzel

13. Mai 2012 More

Bildergalerie Plenum 3. Mai 2012 bei den Grünen

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alle Fotos: ©Bettina Frenzel

4. Mai 2012 More

The Woman Identified Woman by radicalesbians 1970

The Woman Identified Woman
BY RADICALESBIANS

What is a lesbian? A lesbian is the rage of all women condensed to the point of explosion. She is the woman who, often beginning at an extremely early age, acts in accordance with her inner compulsion to be a more complete and freer human being than her society – perhaps then, but certainly later – cares to allow her. These needs and actions, over a period of years, bring her into painful conflict with people, situations, the accepted ways of thinking, feeling and behaving, until she is in a state of continual war with everything around her, and usually with her self. She may not be fully conscious of the political implications of what for her began as personal necessity, but on some level she has not been able to accept the limitations and oppression laid on her by the most basic role of her society–the female role. The turmoil she experiences tends to induce guilt proportional to the degree to which she feels she is not meeting social expectations, and/or eventually drives her to question and analyze what the rest of her society more or less accepts. She is forced to evolve her own life pattern, often living much of her life alone, learning usually much earlier than her „straight“ (heterosexual) sisters about the essential aloneness of life (which the myth of marriage obscures) and about the reality of illusions. To the extent that she cannot expel the heavy socialization that goes with being female, she can never truly find peace with herself. For she is caught somewhere between accepting society’s view of her – in which case she cannot accept herself – and coming to understand what this sexist society has done to her and why it is functional and necessary for it to do so. Those of us who work that through find ourselves on the other side of a tortuous journey through a night that may have been decades long. The perspective gained from that journey, the liberation of self, the inner peace, the real love of self and of all women, is something to be shared with all women – because we are all women.
It should first be understood that lesbianism, like male homosexuality, is a category of behavior possible only in a sexist society characterized by rigid sex roles and dominated by male supremacy. Those sex roles dehumanize women by defining us as a supportive/serving caste in relation to the master caste of men, and emotionally cripple men by demanding that they be alienated from their own bodies and emotions in order to perform their economic/political/military functions effectively. Homosexuality is a by-product of a particular way of setting up roles (or approved patterns of behavior) on the basis of sex; as such it is an inauthentic (not consonant with „reality“) category. In a society in which men do not oppress women, and sexual expression is allowed to follow feelings, the categories of homosexuality and heterosexuality would disappear.
But lesbianism is also different from male homosexuality, and serves a different function in the society. „Dyke“ is a different kind of put-down from „faggot“, although both imply you are not playing your socially assigned sex role, … are not therefore a „real woman“ or a „real man. “ The grudging admiration felt for the tomboy, and the queasiness felt around a sissy boy point to the same thing: the contempt in which women-or those who play a female role-are held. And the investment in keeping women in that contemptuous role is very great. Lesbian is a word, the label, the condition that holds women in line. When a woman hears this word tossed her way, she knows she is stepping out of line. She knows that she has crossed the terrible boundary of her sex role. She recoils, she protests, she reshapes her actions to gain approval. Lesbian is a label invented by the Man to throw at any woman who dares to be his equal, who dares to challenge his prerogatives (including that of all women as part of the exchange medium among men), who dares to assert the primacy of her own needs. To have the label applied to people active in women’s liberation is just the most recent instance of a long history; older women will recall that not so long ago, any woman who was successful, independent, not orienting her whole life about a man, would hear this word. For in this sexist society, for a woman to be independent means she can’t be a woman – she must be a dyke. That in itself should tell us where women are at. It says as clearly as can be said: women and person are contradictory terms. For a lesbian is not considered a „real woman.“ And yet, in popular thinking, there is really only one essential difference between a lesbian and other women: that of sexual orientation – which is to say, when you strip off all the packaging, you must finally realize that the essence of being a „woman“ is to get fucked by men.
„Lesbian“ is one of the sexual categories by which men have divided up humanity. While all women are dehumanized as sex objects, as the objects of men they are given certain compensations: identification with his power, his ego, his status, his protection (from other males), feeling like a „real woman“, finding social acceptance by adhering to her role, etc. Should a woman confront herself by confronting another woman, there are fewer rationalizations, fewer buffers by which to avoid the stark horror of her dehumanized condition. Herein we find the overriding fear of many women toward being used as a sexual object by a woman, which not only will bring her no male-connected compensations, but also will reveal the void which is woman’s real situation. This dehumanization is expressed when a straight woman learns that a sister is a lesbian; she begins to relate to her lesbian sister as her potential sex object, laying a surrogate male role on the lesbian. This reveals her heterosexual conditioning to make herself into an object when sex is potentially involved in a relationship, and it denies the lesbian her full humanity. For women, especially those in the movement, to perceive their lesbian sisters through this male grid of role definitions is to accept this male cultural conditioning and to oppress their sisters much as they themselves have been oppressed by men. Are we going to continue the male classification system of defining all females in sexual relation to some other category of people? Affixing the label lesbian not only to a woman who aspires to be a person, but also to any situation of real love, real solidarity, real primacy among women, is a primary form of divisiveness among women: it is the condition which keeps women within the confines of the feminine role, and it is the debunking/scare term that keeps women from forming any primary attachments, groups, or associations among ourselves.
Women in the movement have in most cases gone to great lengths to avoid discussion and confrontation with the issue of lesbianism. It puts people up-tight. They are hostile, evasive, or try to incorporate it into some “broader issue. “ They would rather not talk about it. If they have to, they try to dismiss it as a ‚lavender herring“. But it is no side issue. It is absolutely essential to the success and fulfillment of the women’s liberation movement that this issue be dealt with. As long as the label „dyke“ can be used to frighten women into a less militant stand, keep her separate from her sisters, keep her from giving primacy to anything other than men and family-then to that extent she is controlled by the male culture. Until women see in each other the possibility of a primal commitment which includes sexual love, they will be denying themselves the love and value they readily accord to men, thus affirming their second-class status. As long as male acceptability is primary-both to individual women and to the movement as a whole-the term lesbian will be used effectively against women. Insofar as women want only more privileges within the system, they do not want to antagonize male power. They instead seek acceptability for women’s liberation, and the most crucial aspect of the acceptability is to deny lesbianism – i. e., to deny any fundamental challenge to the basis of the female. It should also be said that some younger, more radical women have honestly begun to discuss lesbianism, but so far it has been primarily as a sexual „alternative“ to men. This, however, is still giving primacy to men, both because the idea of relating more completely to women occurs as a negative reaction to men, and because the lesbian relationship is being characterized simply by sex, which is divisive and sexist. On one level, which is both personal and political, women may withdraw emotional and sexual energies from men, and work out various alternatives for those energies in their own lives. On a different political/psychological level, it must be understood that what is crucial is that women begin disengaging from male-defined response patterns. In the privacy of our own psyches, we must cut those cords to the core. For irrespective of where our love and sexual energies flow, if we are male-identified in our heads, we cannot realize our autonomy as human beings.
But why is it that women have related to and through men? By virtue of having been brought up in a male society, we have internalized the male culture’s definition of ourselves. That definition consigns us to sexual and family functions, and excludes us from defining and shaping the terms of our lives. In exchange for our psychic servicing and for performing society’s non-profit-making functions, the man confers on us just one thing: the slave status which makes us legitimate in the eyes of the society in which we live. This is called „femininity“ or „being a real woman“ in our cultural lingo. We are authentic, legitimate, real to the extent that we are the property of some man whose name we bear. To be a woman who belongs to no man is to be invisible, pathetic, inauthentic, unreal. He confirms his image of us – of what we have to be in order to be acceptable by him – but not our real selves; he confirms our womanhood-as he defines it, in relation to him- but cannot confirm our personhood, our own selves as absolutes. As long as we are dependent on the male culture for this definition, for this approval, we cannot be free.
The consequence of internalizing this role is an enormous reservoir of self-hate. This is not to say the self-hate is recognized or accepted as such; indeed most women would deny it. It may be experienced as discomfort with her role, as feeling empty, as numbness, as restlessness, as a paralyzing anxiety at the center. Alternatively, it may be expressed in shrill defensiveness of the glory and destiny of her role. But it does exist, often beneath the edge of her consciousness, poisoning her existence, keeping her alienated from herself, her own needs, and rendering her a stranger to other women. They try to escape by identifying with the oppressor, living through him, gaining status and identity from his ego, his power, his accomplishments. And by not identifying with other „empty vessels“ like themselves. Women resist relating on all levels to other women who will reflect their own oppression, their own secondary status, their own self-hate. For to confront another woman is finally to confront one’s self-the self we have gone to such lengths to avoid. And in that mirror we know we cannot really respect and love that which we have been made to be.
As the source of self-hate and the lack of real self are rooted in our male-given identity, we must create a new sense of self. As long as we cling to the idea of „being a woman, “ we will sense some conflict with that incipient self, that sense of I, that sense of a whole person. It is very difficult to realize and accept that being „feminine“ and being a whole person are irreconcilable. Only women can give to each other a new sense of self. That identity we have to develop with reference to ourselves, and not in relation to men. This consciousness is the revolutionary force from which all else will follow, for ours is an organic revolution. For this we must be available and supportive to one another, five our commitment and our love, give the emotional support necessary to sustain this movement. Our energies must flow toward our sisters, not backward toward our oppressors. As long as woman’s liberation tries to free women without facing the basic heterosexual structure that binds us in one-to-one relationship with our oppressors, tremendous energies will continue to flow into trying to straighten up each particular relationship with a man, into finding how to get better sex, how to turn his head around-into trying to make the „new man“ out of him, in the delusion that this will allow us to be the „new woman“. This obviously splits our energies and commitments, leaving us unable to be committed to the construction of the new patterns which will liberate us.
It is the primacy of women relating to women, of women creating a new consciousness of and with each other, which is at the heart of women’s liberation, and the basis for the cultural revolution. Together we must find, reinforce, and validate our authentic selves. As we do this, we confirm in each other that struggling, incipient sense of pride and strength, the divisive barriers begin to melt, we feel this growing solidarity with our sisters. We see ourselves as prime, find our centers inside of ourselves. We find receding the sense of alienation, of being cut off, of being behind a locked window, of being unable to get out what we know is inside. We feel a real-ness, feel at last we are coinciding with ourselves. With that real self, with that consciousness, we begin a revolution to end the imposition of all coercive identifications, and to achieve maximum autonomy in human expression.
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19. Mai 2011 More

Das Müttermanifest Thesenpapier, 1987 von Gisela Erler

Das Müttermanifest

Leben mit Kindern – Mütter werden laut
I.
Es ist an der Zeit für eine neue Frauenbewegung, eine Bewegung, die die Wirklichkeit, die Wünsche und Hoffnungen von Müttern mit Kindern ebenso konsequent und nachdrücklich vertritt wie die Interessen kinderloser Frauen.

Es ist an der Zeit, daß die Mehrheit der Frauen, die Mütter, sich selbst vertreten.
Es ist an der Zeit, daß nicht mehr andere Frauen oder auch Männer den Müttern vorschreiben, wie ihre Lebensplanung, ihre Gefühle für Kinder und Männer, ihre Einstellung zu Beruf, Karriere, Haushalt, Gesellschaft und Kindererziehung auszusehen haben.

Es ist an der Zeit, daß die Frauenbewegung, die Grünen, die Linke und die konservativen Kräfte sich damit auseinandersetzen, daß Mütter ganz und gar grundsätzliche Veränderungswünsche an die Strukturen von Familie, Nachbarschaft, Beruf, Öffentlichkeit und Politik haben.

So wahr es ist, daß es Mütter gibt, die die bisherigen Entwürfe und Ansätze der Frauenbewegung und der politischen Kräfte als hinreichenden Einstieg in eine mütter-, kinder-, menschenfreundliche Gesellschaft betrachten, so offensichtlich teilt die große Mehrheit von Müttern diese Haltung nicht für sie steht die Diskussion über ein insgesamt tragfähiges, sinnvolles Emanzipations- und Lebensmodell noch aus.
Es ist an der Zeit zu verstehen, daß Mütter außerhalb ihrer vier Wände nicht nur als Arbeitskräfte, Ehefrauen, Politikerinnen anwesend sein möchten, sondern auch Raum für ihre Kinder fordern. Eine Gesellschaft, die Kinder an der Hand zulassen soll., bedeutet eine ganz grundsätzliche Herausforderung an alle vorgegebenen Strukturen. Umdenken tut Not und Mütter sind allenthalben dabei, so wie vor zwanzig Jahren die jungen Frauen der Frauenbewegung, alles noch einmal neu zu hinterfragen und dabei ganz neue Dimensionen zu entdecken.

Sie sind immer weniger bereit, sich damit abzufinden, daß Berufsleben, Terminplanung, Veranstaltungen, jede Form von Öffentlichkeit, de facto davon ausgehen, Mütter hätten kein Recht, dabei zu sein oder wären selbst dafür verantwortlich, sich die Möglichkeiten zur Teilnahme zu schaffen. Sie wünschen endlich aktiver Teil jener Öffentlichkeit zu werden, aber nicht zu den rigorosen Bedingungen, die viele progressive Dauerpolitiker/innen oder rückwärtsgewandte „Familienfreunde“ ihnen aufzwingen möchten.
Was ansteht, ist nicht mehr und nicht weniger als die Schaffung einer mütter- und kinderfreundlichen Öffentlichkeit, einer öffentlichen Wohnstube, eines nachbarschaftlichen Kinderzimmers, einer Überwindung der engen Familiengrenzen, ohne daß die Logik der Kneipe, des Betriebs oder gar der traditionellen Politik alles Leben durchdringt.

Im Rahmen einer solchen grundsätzlichen Um Orientierung muß Platz sein für verschiedene Lebensentwürfe von Müttern, für Beruf und/oder Hausarbeit, Nachbarschaftsarbeit, große und kleine Politik. Wenn endlich Bedingungen geschaffen sind, die es zulassen, daß Mütter und Kinder sich wohlfühlen, einbringen und entlastet werden, dann werden auch kinderlose Frauen und vielleicht auch Männer Lust und Laune haben, teilzuhaben an dieser bunten und lebensfrohen Welt, die ihre Lebendigkeit auf alle Institutionen ausstrahlen kann.

Die Zeit der Klage, des Rückzugs, des Lamentierens und Sich-Infragestellens ist vorbei. Mütter lassen sich nicht mehr fragen, ob und warum sie Kinder haben dürfen, sondern sie fragen die Welt, warum sie ihnen und ihren Kindern nicht den legitimen, notwendigen, sinnvollen Raum gibt – wo doch die Zukunft von ihnen abhängt und die Grundlagen des psychischen und physischen Wohlbefindens letztlich der gesamten Gesellschaft von ihnen geschaffen werden.

Raum für Mütter und Kinder zu fordern, heißt nicht etwa, die Frauenbewegung zu schwächen oder zu spalten. Es heißt auch nicht, Männer auszuschließen. Im Gegenteil: nur starke lebenslustige Mütter und selbstbewußte Kinder, die spüren, daß für sie auch Platz ist, sind Partnerinnen für die Frauen, die sich für einen Lebensentwurf ohne Kinder entschieden haben und für die Männer, die Väter sind oder auch nicht. „Black is beautiful“, war der Ausgangsslogan für die Bewegung der Schwarzen in den USA, „small is beautiful“, stärkte die ökologische Bewegung, „motherhood is beautiful“‚, könnte die Grundlage für ein neues Selbstbewußtsein von Müttern werden, das den Durchbruch für eine Rückkehr von Müttern und Kindern in die Gesellschaft schafft.

II.
Erst ein sicherer Umgang mit den Stärken und Befriedigungen, die im Muttersein auch liegen, ergibt eine klare Grundlage für die Auseinandersetzung mit all den Mißständen, Verkürzungen und Deformationen, unter denen Mutterschaft heute auch gelebt wird.

Auf der gemeinsamen Grundlage eines solchen starken, aber auch ungeduldigen Lebensgefühls fand am 22./23. November 1986 in Bonn – Beuel ein Kongress von ca. 500 Müttern und 200 Kindern statt. Die Grünen hatten sich bereiterklärt, den Kongress praktisch und finanziell zu unterstützen und das möglich gemacht, was für eine neue Frauenpolitik entscheidend ist: Offenheit für Frauen aus verschiedenen Bereichen und Erfahrungshorizonten, kein Versuch, sie auf vorgegebene Parteilinie oder in eine Parteienstruktur hineinzuzwingen oder zu manövrieren.

Der Kongress war ein ganz außerordentliches politisches Ereignis, denn erstmalig in der Kultur dieser Republik war eine Organisationsstruktur mit Kinderbetreuung angeboten, die so umfassend, liebevoll und kompetent war, daß tatsächlich die meisten Mütter nicht zwischen den Kindern und ihren eigenen öffentlichen Diskussionswünschen hin- und hergerissen und zerrieben wurden wiewohl an den Formen einer geglückten Integration von Erwachsenen und Kindern, an dafür geeigneten Räumlichkeiten und Konzepten in den nächsten Jahren noch viel experimentiert und gelernt werden muß.

Eine bestimmte Öffentlichkeit progressiver Journalistinnen und kritischer Frauen begleitete das Treiben in dieser neuen Form von Öffentlichkeit teilweise mit Unbehagen, teilweise mit Angst und Frustration. Nicht nur die äußere Form, Unterbrechungen durch Kinderzirkus, hin und wieder Kindergeschrei, nicht nur die Tatsache, daß manche Mütter ihre öffentlichen Beiträge ganz unschamhaft damit eröffneten, daß sie eins, zwei, ja vier Kinder oder behinderte Kinder hätten, führten zu dieser Irritation. Dahinter stand vielmehr die tiefe und gegenwärtig noch ungelöste Spannung zwischen verschiedenen Lebensentwürfen, die Betroffenheit von Karrierefrauen mit oder ohne Kinder darüber, dass hier eine Grundstimmung zum Ausdruck kam, wo eine vielfältig strukturierte Gruppe von Frauen artikulierte: „Wir Sind in unserer jetzigen Lebensphase, in unserer Identität hauptsächlich Mütter und gerne Mütter aber wir fordern Bedingungen, diesen Inhalt ohne Ausgrenzung, Abwertung und ständige Unsicherheit leben zu können. Wir sind gerade durch das Leben als Mütter für die Schwächen, aber auch für die Umgestaltungsmöglichkeiten vieler gesellschaftlicher Orte und Prozesse sensibilisiert und haben die Kompetenz, angemessene Änderungsmodelle zu entwickeln. Unser Sachverstand fehlt in einer auf Mütter-, Kinder- und Naturferne eingerichteten Welt allenthalben. Wir betreiben seine Einkehr in die von anderen Perspektiven bestimmte Expertenkultur, sei sie männlich oder weiblich.“

In der eher kritischen oder begriffslosen Öffentlichkeit, die – Ausdruck genereller Mütterfeindlichkeit – diesen Kongreß überwiegend nach außen dokumentierte, war viel von Mutterideologie, von „rechten““ Tendenzen, von perspektivlosem Herumgewurstel an oberflächlichen Scheinlösungen die Rede. Das zeigt, wie sehr sich ein eng begrenzter Politikbegriff auch in den Köpfen vieler Frauen festgesetzt hat, wie wenig die tiefe Dimension einer anderen Art zu kooperieren und dabei wichtige programmatische Perspektiven zu entwickeln, von vielen Männern und Frauen noch verstanden wird, obwohl auch sie ja einmal mit ganz anderen Ansprüchen angetreten sind.

Gerade in der Auseinandersetzung mit traditionellem Politikverständnis hat die Frauenbewegung viele Anstöße für einen neuen Umgang mit den Fragen von Privatheit und Öffentlichkeit, von Macht und Ohnmacht gegeben; doch ist heute klar: Mütter, als größte Gruppe der Frauen, haben noch einmal ganz andere Impulse, Zeitrhythmen, Organisationsformen, Fragestellungen, in denen sich ihre Bedürfnisse ausdrücken. Es wird die Aufgabe der nächsten Jahre sein, das Ghetto der Nichtmütter wie auch das Aquarium der Karrierefrauen zu verlassen und eine neue Debatte über einen erweiterten, ökologischen, zukunftsweisenden Emanzipationsbegriff zu führen. Eine Reduktion von Frauenperspektiven auf Quotierung und das Recht auf Abtreibung wird diesen Dimensionen und Erfordernissen in keiner Weise gerecht.

Ebenso ungenügend ist es, Politik für Mütter allein am Maßstab der Überwindung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zu messen. Da diese sich nur zäh verschiebt, ist zumindest ein dialektisches Verständnis notwendig: erst eine Stärkung von Müttern in ihrer Ausgangsposition kann eine Basis für konstruktive Annäherung der Geschlechter sein.

Letztlich geht es darum, ein Emanzipationsbild zu entwickeln, in dem die Inhalte traditioneller Frauenarbeit, d.h. die Versorgung von Personen, Wahrnehmung sozialer Bezüge, Hinterfragung von sogenannten ,Sachzwängen“ als legitime Werte integriert sind und entsprechend wertemäßig sozial, politisch, finanziell anerkannt werden. Die Grundfrage der Wertigkeit von Arbeit, d.h. welche Arbeit in der Gesellschaft zu welchem Status, welchen Sicherungen verhilft, ist neu zu stellen.

Diese Grundaussagen bestimmten letztlich Klima und Inhalt der meisten Arbeitsgruppen auf dem Kongreß „Leben mit Kindern – Mütter werden laut““. Am Schluß wurde ganz bewußt auf die übereilte Verabschiedung eines zu schnell zusammengezimmerten pressewirksamen Forderungskatalogs verzichtet. Die politische Wirksamkeit von Müttern, auch wenn manche grüne und feministische Geister dies als Schwäche und ungeschickte politische Taktik einordnen mögen, wird gerade dadurch stark werden, daß die vordergründige politische Hektik, das Taktieren mit plakativen Formeln und unnötige Ausgrenzung entfallen. Vielmehr wird, angestoßen von diesem Kongreß, auf lokaler, regionaler und Bundesebene das Diskussionsgeflecht von Müttern weiter ausgebaut, werden die jetzt noch vorläufigen Forderungen und Denkanstöße in Ruhe weiterentwickelt. Es wird darum gehen, Grundsatzüberlegungen und Perspektiven nicht in einer Flut eng gefasster Forderungen zu ersticken und dennoch die Vision einer mütterfreundlichen Frauenbewegung und Gesellschaft Stück für Stück voranzutreiben. Reale Schritte und ganz und gar grundsätzliche Veränderungsabsichten werden in einer neuen Mütterpolitik nicht auseinander zu dividieren sein. Mütterpolitik ist so fundamental wie absolut real. Sie liegt neben dem klassischen Schema der Rechts/Links-Zuweisungen und sie wird und muß in den nächsten Jahren als neue Dimension in den Programmen der Grünen wie auch in eigenen autonomen Ansätzen niederschlagen.

III.
Im folgenden seien nun einige zentrale Aspekte aufgeführt, die in den verschiedenen Arbeitsgruppen immer wieder auftauchten als Zielvorstellungen -und die als Ausgangsbasis für weitere Entwicklungen dienen können:

1. Grundsätzlich als Anspruch dick unterstrichen:
• Wir wollen alles! • Wir Mütter wollen mitgestalten ! • Wir wollen mitentscheiden – überall !

2. Dazu brauchen wir:
Eine ausreichende und unabhängige finanzielle Sicherung für die Betreuungsarbeit, die wir leisten, während wir sie tun und später. Um eine Mindestrente zu erlangen, muß eine Frau gegenwärtig 35 Kinder gebären und erziehen!

Nur wenn solche ausreichenden Sicherungen da sind, kann und wird langfristig auch ein größerer Teil der Männer verantwortliche Betreuungsarbeit übernehmen. Über die Formen der Sicherung als Mindesteinkommen, Rente, Erziehungsgeld für viele Jahre o. dgl. muß in den nächsten Jahren ausführlich diskutiert werden und dann werden wir sie mit Nachdruck einfordern.

3. Wir brauchen außerdem eine lebendige Infrastruktur für Mütter, die vorübergehend oder langfristig hauptsächlich Mütter und Hausfrauen sind! Wir brauchen maßgeschneiderte Kinderbetreuung für alle Kinder und Mütter, die sie in Anspruch nehmen wollen an jeder Straßenecke, in Kaufhäusern, Behörden, Parlamenten, offen, nach unseren eigenen zeitlichen Erfordernissen. Wir fordern, daß Mütter für solche Betreuungsarbeit im öffentlichen Bereich bezahlt werden können, daß nicht nur formale Qualifikationen gelten. Männer, die eine solche hauptsächlich von Frauen und Kindern geprägte Öffentlichkeit ertragen und mittragen, sind überall herzlich willkommen.

4. Wir brauchen im Rahmen dieser Infrastruktur Nachbarschaftszentren, Mütterzentren, geöffnet den ganzen Tag, Esskasinos, gemeinsame Mittagstische und noch vieles mehr. Es geht darum, Berührungspunkte zu schaffen, wo Mütter sich gegenseitig in der Vielfalt ihrer Lebensstile und Erfahrungen wahrnehmen, sich in ihren Fähigkeiten unterstützen können. Wo heute das stereotypische Bild herrscht, alle Mütter führten eine gleichförmige, eingeengte langweilige Existenz, sind viele unterschiedliche Erfahrungen, Familienformen, Kenntnisse, Optionen vorhanden, die im kreativen Austausch eine enorme Impulskraft für die Gesellschaft entwickeln können. Eine solche Öffentlichkeit ist nicht institutionell und anonym, sondern individuell und gemeinschaftlich zugleich. Für ihre Entwicklung brauchen wir Räume, Geld und Ermutigung. Und vor allem ein Klima, das nicht in jeder Selbstfindung von Müttern ein Ghetto sieht, sondern selbstbewußte Gemeinsamkeit als Vorraussetzung für die Bildung von weiteren Öffentlichkeiten mit anderen Frauen und mit Männern. Schließlich sind sowohl Männer als auch Nicht-Mütter in viel größerem Ausmaß in der Lage, eigene Begegnungsformen herzustellen – es geht um die Schaffung einer gleichwertigen Ausgangssituation für Mütter.

5. Wir brauchen eine Arbeitswelt., die von einer völlig neuer Offenheit geprägt ist. Die kommenden wirtschaftlichen Probleme sollten vorrangig Anlaß sein zu drastischen Arbeitszeitkürzungen, aber auch zu ausgedehnten Experimenten mit qualifizierter Teilzeitarbeit und flexibler Arbeitszeit. Wir brauchen Rückkehrmöglichkeiten in alle Berufe und ganz vordringlich eine Aufhebung aller Altersgrenzen bei der Zulassung zu Fortbildungswegen und Berufswegen aller Art. Der Zynismus von Institutionen, die jungen kompetenten kreativen Frauen ab 35 aus Altersgründen den Zutritt verweigern, ist gerade unbeschreiblich angesichts etwa von politischen Altersdespoten, die hemmungslos. auf erworbenen Machtpositionen beharren -und angesichts der schönen Slogans vom ;lebenslangen Lernen “ die die Bildungsindustrie heute verbreitet.
Wir brauchen einen angemessenen Grundlohn für Frauen, denn die Mehrheit berufstätiger Frauen verdient nicht genug, um sich und ihre Kinder zu ernähren. Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, d.h. für Frauenarbeit, Umbau der. Kriterien, die Zugang zu höheren Einkommen ermöglichen. Ein offenes und flexibles Leben heißt, daß Wir, die wir die unsichtbare und unersetzliche Fürsorgearbeit leisten, gesicherte Ein. und Ausstiege brauchen! Im Familien- und Nachbarschaftsbereich erworbene Qualifikationen müssen endlich für spätere Berufe als reale Kompetenzen anerkannt und angerechnet werden. Familienarbeit wirkt sich nicht dequalifizierend auf Frauen aus! Selbstverständlich sind solche Perspektiven auch für Männer und Nichtmütter interessant, für uns und unsere Kinder, für die Lebensqualität unserer Gesellschaft aber sind sie lebenswichtig.

6. Im Arbeitsleben haben wir tiefe Zweifel an einer Quotierung, die lediglich kinderlose Frauen gegenüber Müttern bevorzugt. Wir fordern zusätzliche Kinderbetreuung am Arbeitsplatz oder in der Nähe, geeignete Arbeitszeitformen, ausreichenden Lohn für Frauenarbeitsplätze und vor allem, wenn schon Quoten, dann solche, die den Anteil der Mütter an den Frauen mit ausdrücken: z.B. 50 – 70 % aller qualifizierten Frauenarbeitsplätze für Mütter! Der aktiven Spaltung zwischen leicht vom Kapital verwertbaren Frauen und Müttern kann nur durch offensive Platzschaffung für Mütter entgegengetreten werden. Das gilt auch in der Politik!

Selbstverständlich erwarten wir; daß alle individuellen Arbeitszeitverkürzungen, qualifizierte Teilzeitarbeit – auch für Männer – ausgebaut und angeboten, gesetzlich verankert werden. Aber wir können nicht auf Männer warten, uns nicht von ihrem Schneckentempo abhängig machen, was die Einforderung von Spielräumen für Familienarbeit angeht.

7. Im Bereich des politischen Lebens, der großen Worte und Programme, vor allem auch der Grünen Partei, heißt dies: Arbeitsformen müssen endlich Müttern angepasst werden! Drastische Arbeitszeitverkürzungen im Funktionärsbereich, Teilung von Stellen, auch Mandaten, z.B. im Bundesvorstand. Der Frauen- und Mütterbereich hat Vorreiter- und nicht Nachzüglerfunktion. Keine Beschlüsse nach 23 Uhr, Ende für das Meinungsmonopol von studentischer Lebenskultur, Übernahme von Kinderbetreuungskosten auf allen, auch lokalen Ebenen. Eine neue Sitzungskultur, weniger Formalien, mehr Inhalt, weniger Treffen und Kongresse an ganzen Wochenenden würden der programmatischen Arbeit ohnehin mehr nützen als schaden. Politikfreie Wochenenden!

Wir brauchen keine politischen Übermenschen(männer) mit Dauereinsatz, die keinen Blick, keine Zeit mehr für die gesellschaftliche Realität haben, die sie doch positiv gestalten wollen.

8. Wir verlangen das Recht, daß Frauen ihre Kinderwünsche leben können – nicht nur das Recht auf Abtreibung. In Industriegesellschaften, wo das Leben in Strukturen, die noch etwas mit Natur, spontanen Lebensrhythmen, langfristiger Verantwortlichkeit zu tun haben, immer mehr erschwert wird, wo Männer zunehmend ihre Pubertät bis 45 verlängern und sich weigern, mit einer Frau zusammen die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, ist es vordringlich, den Kinderwunsch von Frauen endlich wieder ernst zu nehmen und zuzulassen, statt ihn so grausam zu diskriminieren, wie dies zunehmend der Fall ist. Dies tangiert nicht das fundamentale Recht von Frauen auf Entscheidungs- und Straffreiheit bei Abtreibungen, es ist unantastbar.

9. Es ist vordringlich, daß wir, die wir in späteren Lebensjahren den Großteil, über 80 % der Pflege alter Menschen leisten, auch dafür finanzielle Unterstützung, geeignete Wohnformen, aber auch berufliche Sicherungen und Rückkehrmöglichkeiten bekommen.

10. Es gibt eine große Zahl von Müttern mit behinderten Kindern – für sie alle ist die bessere Unterstützung durch Betreuungseinrichtungen und die Integration von behinderten und gesunden Kindern besonders wichtig. Ebenso wie die Frage von akzeptablen, familienähnlichen Betreuungsformen für erwachsene Behinderte, denn Mütter können sich nicht ihr ganzes Leben für diese Aufgabe einsetzen.

11. Wir möchten mit Männern, den Vätern unserer Kinder – soweit wir nicht getrennt von ihnen leben, und auch dann noch vernünftige und faire Formen der Kooperation. Aber wir wissen, wie schwer es ist, hier gelungene Balancen herzustellen. Viele lesbische Frauen und kinderlose Frauen werfen uns vor, die Väter nicht genügend in die Pflicht zunehmen. Wir weisen diesen Vorwurf von uns und geben ihn zurück: wir sind es, die täglich die Auseinandersetzung mit Männern über ihre Unterstützung im Alltag führen, und hartnäckig ihren Anteil ein. fordern. Manche Männer sind kooperativ, ohne sie wäre unsere Teilnahme am öffentlichen Leben nicht möglich. Andere setzen Grenzen, über die wir nicht hinwegkommen, und dennoch möchten wir die Liebesbeziehung leben. Andere mißhandeln und verachten uns, so daß wir den Trennungsstrich ziehen. Es ist aber das Recht von uns Frauen, sofern wir mit Männern zusammenleben, Form und Inhalt wie auch Grenzen selber zu bestimmen. Wir würden es begrüßen, wenn Männer, Frauen, namentlich auch kinderlose Frauen uns Mütter bei unserer gesellschaftlich wichtigen Arbeit unterstützten. Die enge Fixierung auf partnerschaftliche Lösungen im Privatbereich ist eine gesellschaftliche Scheinperspektive. Zu viele Mütter leben allein, zu viele Beziehungen enden, als daß dies als Lösung ausreichen würde. Außerdem werden Elternbeziehungen gerade dadurch unterminiert, daß sie privat ein Aufgabenbündel bewältigen sollen, das auch für zwei Personen nicht tragbar ist.

12. Wir wissen, daß u.a. durch die Automation eine Schrumpfung des industriellen Arbeitsmarkts und eine Ausweitung des Dienstleistungssektors ansteht. Wir möchten aber kein gesellschaftliches Zukunftsmodell, das F rauen massenhaft zu Mac-Donald-Verkäuferinnen und dequalifizierten Bürokräften macht. Wir möchten vielmehr unsere Phantasie darauf richten, daß bei entsprechender sozialer Sicherung von Frauen (und bereitwilligen Männern), nicht jeder Liebesdienst, alle Versorgung, dem Markt ausgeliefert werden. Wir wollen eine lebenswerte und liebenswerte Mischung aus Hauswirtschaft, Nachbarschaft, aus qualifizierten Berufen, aus eigenem Geldverdienen und der Möglichkeit, anderen zu helfen.

Wir weigern uns, die Reduktion von Personen auf ihre verwertbare Arbeitskraft als einzig wichtige Dimension zu sehen -und möchten dennoch eine vollwertige und eingreifende Existenz als nicht nur familienzentrierte Erwachsene leben.

Wir hoffen, daß die Transformation zur Dienstleistungsgesellschaft nicht Kälte, Entfremdung und Isolation vorantreibt, sondern daß Kreativität, Wärme und Verantwortungsbereitschaft unterstützt und verstärkt werden. Dabei ist jedoch entscheidend, daß auch wir Mütter ein Hinterland bekommen, in dem wir entlastet, unterstützt, aufgebaut, umsorgt werden. Mütter sind nicht mehr bereit und letztlich nicht mehr fähig, ohne ?Input“ in ihre eigenen Reserven, die Grundlagen für alles andere zu schaffen. Ein weiterer Raub. bau an der gesellschaftlichen Mütterlichkeit hat aber ebenso bedrohliche Konsequenzen wie der Raubbau an den natürlichen Grundlagen. Unsere Bereitschaft zur Verantwortung hat also in Zukunft nicht nur einen Wert – sie hat auch einen Preis. Wir sind zutiefst überzeugt, daß dazu eine echte Umverteilung von Männereinkommen und Bezahlung oder Sicherung all derer nötig ist, die die reale Dienstleistungsgesellschaft herstellen. Und das sind mehrheitlich Mütter.
IV.
Es gibt eine lange Liste weiterer Anliegen, die in den Arbeitsgruppen des Kongresses wie auch Gesprächen unter Müttern her. ausgearbeitet wurden. Dennoch geht es uns gegenwärtig nicht um einen geschlossenen Forderungskatalog ohne Widersprüche. Es geht darum, daß Mütter ohne Leistungsdruck ihrer Phantasie freien Lauf lassen und eine gemeinsame Theorie und Praxis sichtbar werden lassen, wie dies ja in den fast 100 Initiativen der Mütterzentrumsbewegung und vielen anderen Gruppen der Fall ist. Es geht darum, die Interessen verheirateter und alleinstehender, berufstätiger und nicht erwerbstätiger Mütter zueinander in bezug zu setzen und zu einem klaren Bündel zu ordnen.

Für die Grünen bedeutet das gegenwärtig, daß sie die Selbstorganisation der Mütter regional und bundesweit, durch Seminare Workshops, Kongresse und Publikationen genauso unterstützen sollten wie andere wichtige Gruppierungen. Eine Bundesarbeitsgemeinschaft Mütter wäre das geeignete Kristallisationsgremium für diese Perspektive – wobei Offenheit über die Grünen hinaus zentrale Vorbedingung ist und bleibt.
Der Anfang für eine Mütterbewegung ist längst gemacht. Jetzt geht es darum, die tiefe Angst einer mütterfeindlichen Gesellschaft abzubauen, den Dialog zwischen Frauen zu eröffnen, Männer für unsere Stärke zu begeistern und dabei ganz tief zu verstehen, daß vorab die Selbstorganisation einer bestimmten Gruppierung mit so zentralen und bisher systematisch ausgegrenzten Interessen ein unverzichtbarer Schritt für die Befolgung einer wichtigen Grünen Maxime ist: Einheit in der Vielfalt.

Erstunterzeichnerinnen des Müttermanifestes:
Dorothea Calabrese, Köln; Gisela Erler, Kelheim; Margit Marx, Bonn; Jutta Schlepütz-Schroeder, Bonn; Patricia Langen, Aachen; Eva Kandler, Bonn; Dorothee Paß-Weingartz, Bonn; Inge Meta-Hülbusch, Kassel; Gisela Klausmann, Bonn; Hannelore Weskamp, Hamburg; Gaby Potthast, Bochum; Barbara Köster, Frankfurt; Renate Jirmann, Bonn; Christa Nickels, MdB, Bonn, Ursula Rieger, Eva-Maria Epple, Frau & Schule, Berlin; Hildegard Schooß, Mütterzentrum, Salzgitter; Barbara Köster, Autonome Frauen, Frankfurt; Monika Jaeckel, Greta Tüllmann, München; Hedwig Ortmann, Hochschullehrerin, Uni Bremen

5. Mai 2011 More

2011-02-24, Schwager, Irma, 100 Jahre Kampf für die Rechte der Frau und den Frieden

100 Jahre Internationaler Frauentag – 100 Jahre Kampf für die Rechte der Frau und den Frieden
Von: Irma Schwager (24.02.11)
Der Internationale Frauentag ist ein Stück Geschichte der internationalen Frauen- und der Arbeiterinnenbewegung. Es konnten Fortschritte durchgesetzt werden, es gab aber auch Rückschläge im Kampf um die Frauenrechte, insbesondere in der Nazizeit. Heute muss der Widerstand gegen die Unterlaufung errungener Rechte gestärkt und Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, die es den Frauen ermöglichen, gleiche Rechte, existenzsichernde Arbeit und Aufstiegschancen wahrzunehmen und ihren Kindern Einrichtungen für qualifizierte Betreuung, Bildung und eine gute Zukunft zu bieten. Von selbst hat sich nie etwa zum Besseren verändert. Nur sehr langsam konnten Fortschritte durchgesetzt werden. Um nur ein Beispiel anzuführen: 1956 hat sich Nationalrat Johann Koplenig (KPÖ) im Parlament für die Reform des längst veralteten, aus der Postkutschenzeit stammenden Ehe- und Familienrechts und gegen den „Klassenparagraphen 144“ eingesetzt – fast 19 Jahre hat es gedauert, bis diese Gesetze modernisiert und die Vorschläge des Bundes Demokratischer Frauen (BDFÖ) sowie anderer Frauenorganisationen durchgesetzt wurden. Der zentrale Gedanke des Internationalen Frauentages ist, dass die Frauen sich selbst und möglichst organisiert für ihre Forderungen einsetzen müssen, um etwas zu erreichen.

Jahrzehntelang haben die österreichischen Massenmedien den Internationalen Frauentag ignoriert. Das hat sich gründlich verändert. Rund um den 8. März berichten fast alle Zeitungen, Radio und Fernsehen über den Frauentag, es sprechen Politikerinnen aller Parteien über die Fragen, die besonders Frauen betreffen. Von allen Seiten wird betont, wie wichtig es ist, bestehende Benachteiligungen zu überwinden.

Demonstrationen, Protestaktionen und Veranstaltungen von Millionen Frauen in aller Welt haben viel dazu beigetragen, dass Frauenbewusstsein und Frauenbewegung in allen Kontinenten so stark geworden sind, dass die bestehenden Probleme nicht mehr totgeschwiegen werden können. Schon immer in der Geschichte haben Frauen gegen Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Krieg und Militarismus gekämpft. In der Friedensbewegung und in den Befreiungsbewegungen spielen sie eine wichtige Rolle. In der Bewegung für die Erhaltung einer gesunden Umwelt sind sie häufig mehrheitlich vertreten. Der Internationale Frauentag hat wesentlich mitgewirkt, diese fortschrittlichen Bewegungen zu stärken. Selbst in den furchtbaren Zeiten des Nazifaschismus wurde in den Konzentrationslagern und Gefängnissen des Internationalen Frauentages gedacht, manchmal mit einem kurzen Gespräch, einem Stück eines roten Tuches auf dem Tisch oder Bruchstücken von Liedern, die gesummt wurden. 1/

Die historischen Wurzeln des Internationalen Frauentags liegen in den Kämpfen des 19. Jahrhunderts, ausgehend von den USA. 1857 protestierten in New York Arbeiterinnen gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und für bessere Löhne. Die Polizei zögerte nicht, in die Menge zu schießen. Im März 1918 demonstrierten in New York Tabak- und Textilarbeiterinnen für das Frauenwahlrecht, höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit und bessere Arbeitsbedingungen. Daran anknüpfend hielten US-amerikanische Sozialistinnen einen Propagandatag für Frauenwahlrecht und Sozialismus ab. Am 20. Februar 1909 fand der erste nationale Frauentag statt. Ein achtwöchiger Streik von 20.000 Hemdennäherinnen in Manhattan sorgt im gleichen Jahr für internationales Aufsehen. August Bebel, Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie, schrieb 1910 in einer Grußadresse: „Ohne die volle Gleichberechtigung der Geschlechter ist höchstmenschliche Freiheit und Kultur unmöglich.“ 2/

In Österreich demonstrierten 1866 Tausende für ein Vereins- und Versammlungsrecht. „Frauenpersonen“ war behördlich die Mitgliedschaft in politischen Vereinen durch den § 30 im Vereinsgesetz verboten. 1893 wurde der erste größere Frauenstreik in Wien unter der Führung von Ryba Seidel erfolgreich durchgeführt. Die wachsende Arbeitslosigkeit in den 1890er Jahren führte zu den ersten Arbeiterinnenversammlungen, in denen Frauen als Rednerinnen auftraten. Von der Polizei wurden sie mit Gefängnisstrafen bedroht und als „liederliche Dirnen“ bezeichnet. 1899 traten am 12. Mai 1.200 österreichische TextilarbeiterInnen, darunter 60 Prozent Frauen und Mädchen, zur Durchsetzung des 10-Stundentages in den Streik. 3/

Mit der ArbeiterInnenbewegung wuchs auch die bürgerliche Frauenbewegung. Auf der Generalversammlung des Wiener Erwerbsvereins im Jahre 1870 legte Marianne Hainisch das Programm bürgerlicher Frauenvereine vor. Auguste Fickert gründete in Wien den „Allgemeinen Österreichischen Frauenverein“. Sie forderte das Recht auf Bildung, Zugang zu allen Berufen und zu den Universitäten und das Wahlrecht. 1900 wurden die medizinischen Fakultäten an den Universitäten für Frauen geöffnet, 1918 wurde das Wahlrecht in Österreich durchgesetzt. Es war ein hartes Ringen gegen tiefverwurzelte Vorurteile, Traditionen und Widerstände nicht nur von Seiten der Kirche und des Bürgertums sondern auch in der Arbeiterbewegung. So forderten 1895 auf der niederösterreichischen Gewerkschaftskonferenz die Delegierten die Entfernung der Frauen aus dem Arbeitsprozess, weil sie die Lohndrückerinnen seien und die Arbeitsplätze gefährdeten.
Beim Einigungsparteitag der österreichischen Sozialdemokratie (3.12.1888 bis 1.1.1889) in Hainfeld wurden in einer Prinzipienerklärung die Einheit der österreichischen Arbeiterbewegung und die gleichberechtigte Mitarbeit von Frauen festgelegt. Allerdings wurde Anna Altmann, die einzig delegierte Frau, zum Parteitag nicht zugelassen. Beim Gründungskongress der Zweiten Internationale in Paris beantragten Emma Ihrer und Clara Zetkin die Gleichberechtigung der Frau in der Arbeiterbewegung und im Arbeitsleben. Was längst geklärt schien, stand Anfang des 20. Jahrhunderts in den sozialistischen Parteien wieder zur Debatte: Voraussetzungen, Ziele und Wege der Frauenemanzipation. Den Auftakt in der SPD bildete 1905 Edmund Fischers Artikel über die Frauenfrage: „Der alte Emanzipationsstandpunkt, der immer noch in vielen Köpfen spukt, lässt sich meiner Ansicht nach heute nicht mehr aufrecht erhalten […]. Die sogenannte Frauenemanzipation widerstrebt der weiblichen und der menschlichen Natur überhaupt, ist Unnatur und daher undurchführbar.“

1910 wurde auf der 2. Internationalen sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen auf Initiative von Clara Zetkin, Käthe Duncker und Genossinnen (u.a. die Österreicherin Luise Zierz) beschlossen, an einem bestimmten Tag im März in allen Ländern einen internationalen Frauentag abzuhalten. Ihr Antrag lautete: „Im Einvernehmen mit den klassenbewussten politischen und gewerkschaftlichen Organisationen des Proletariats in ihrem Lande veranstalten die sozialistischen Frauen aller Länder jedes Jahr einen Frauentag, der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht gilt. Die Forderung muss in ihrem Zusammenhang mit der ganzen Frauenfrage der sozialistischen Auffassung gemäß beleuchtet werden. Der Frauentag muss einen internationalen Charakter tragen und ist sorgfältig vorzubereiten.“ 4/ Clara Zetkin war auf der 1. sozialistischen Frauenkonferenz 1906 in Stuttgart zur internationalen Frauensekretärin gewählt worden und war Chefredakteurin der wichtigen Frauenzeitung „Gleichheit“. Diese hervorragende Frau kämpfte ihr ganzes Leben für die Rechte der ArbeiterInnenklasse und insbesondere für die Rechte der Frauen. Aus eigener Erfahrung kannte sie nur zu gut das schwere Leben der Frauen. Sie war Alleinerzieherin von zwei Kindern und hatte mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Als Alternativpräsidentin hat sie es sich nicht nehmen lassen, trotz schwerer Krankheit und Morddrohungen 1933 den Deutschen Reichstag zu eröffnen. Vor den vielen Naziabgeordneten in Uniform hielt sie eine bedeutende Rede und warnte eindringlich vor den verheerenden Folgen von Faschismus und Krieg. In der „Gleichheit“ analysierte sie die Ursachen von Kriegen und zeigte auf, wer die Profiteure und wer die Verlierer von Kriegen sind. Der Beschluss, alljährlich einen Internationalen Frauentag durchzuführen, wurde von den österreichischen Delegierten mit großer Begeisterung aufgenommen. Neben Deutschland, der Schweiz, Dänemark und den USA gehörte Österreich zu den ersten Ländern, die schon am 19. März 1911 den Internationalen Frauentag eindrucksvoll begingen. „Die Versammlungen und Gewerkschaftslokale sind in Wien derart überfüllt, dass Kundgebungen auf die Straße verlegt werden – 20.000 Frauen demonstrieren über die Wiener Ringstraße“.5/ In Erinnerung an dem Streik der Textilarbeiterinnen am März 1917 in Petrograd (23. Februar nach dem russischen Kalender), der Auslöser der „Februarrevolution“ war, wurde 1921 der 8. März als einheitliches Datum für den Internationalen Frauentag festgesetzt.

Zum 50-jährigen Jubiläum des Frauentagsbeschlusses im Jahr 1960 in Kopenhagen sprach Anna Hornik, vormals Strömer – Präsidentin der Wiener Organisation des Bundes Demokratischer Frauen Österreichs – von ihren Erinnerungen an den ersten sozialistischen Frauentag in Wien: „Erstaunt lasen Passanten die Parolen auf den Tafeln, welche die Frauen mit sich trugen: Wir fordern das Frauenwahlrecht, gleiche politische Rechte für Frauen, Frauen und Mütter kämpfen für den Frieden. Manche dumme geistlose Witze wurden den Frauen zugerufen, die ihnen sofort schlagfertig parierten. Die Spießer konnten es nicht verstehen, dass Frauen, noch dazu Arbeiterfrauen auf die Straße zogen wie Männer, um für politische Forderungen zu demonstrieren. Sie witzelten und spöttelten, und manche waren ehrlich entrüstet über die ´politischen Weiber´.“ Anna Hornik erzählte vom Engagement der demonstrierenden Frauen: „Immer leidenschaftlicher erscholl ihr Ruf nach Frieden, denn der Erste Weltkrieg warf seine Schatten drohend voraus. Und selbst als der Krieg dann wirklich ausbrach konnte er die Aktivität der Frauen nicht eindämmen. Bereits 1916 wurden in Österreich wieder Frauenversammlungen abgehalten, allerdings hinter verschlossenen Türen. Aber der Ruf der Frauen nach Frieden drang aus den verschlossenen Räumen hinaus und fand Widerhall in der gesamten Bewegung.“ 6/

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten die kämpferischen Traditionen des Internationalen Frauentages wieder auf. In Paris wurde Ende 1945 die Internationale Demokratische Frauenföderation (IDFF) gegründet. Sie vereinte Frauen aus 41 Ländern ohne Unterschied der Rasse, Religion und politischer Weltanschauung. Gemeinsam wollten sie nach dem furchtbaren Zweiten Weltkrieg und der Hölle des Faschismus für die Sicherung des Friedens, für Demokratie und die Rechte der Frauen und Kinder kämpfen. Sie wollten ein festes Band der Solidarität zwischen den Frauen aller Länder knüpfen. Der Bund Demokratischer Frauen Österreichs wurde 1948 Mitglied dieser weltumspannenden Frauenorganisation und hat an vielen Friedens- und Solidaritätsaktionen mitgewirkt. Angela Davis und viele Frauen aus den Gefängnissen Lateinamerikas, des Iran und Europas konnten so gerettet werden und haben nach ihrer Freilassung von der Wirksamkeit des internationalen Frauenprotestes erzählt. Es fanden internationale Konferenzen der IDFF auch in Wien und Salzburg statt. Unter anderem wurde im April 1952 in Wien die „Konferenz zum Schutz des Kindes“ abgehalten. 500 Frauen aus 64 Ländern berichteten vom erschreckenden Ausmaß der Ausbeutung von Kindern in aller Welt. Von den im Elend lebenden Bauern, die ihre Töchter verkaufen; von 6jährigen Kindern, die ganztägig arbeiten und mit ein paar Bananen mittags auskommen müssen; von Kindern in den damals noch von Kolonialmächten besetzten Gebieten, die für eine Handvoll Reis auf Feldern und Baustellen arbeiten müssen; von der Teppichindustrie, wo Kinder in einem 12-Stundentag herrliche Teppiche für einen Bettellohn knüpfen … Der Internationale Frauentag hat viel dazu beigetragen, das die Fakten bekannt wurden und der Kampf um Kinderrechte verstärkt wurde. Dieser Kampf muss auch heute noch auf der ganzen Welt geführt werden.
Jahrzehntelang wurde der Internationale Frauentag nur vom Bund Demokratischer Frauen, von KommunistInnen, GewerkschafterInnen und SozialdemokratInnen begangen. „In der SPÖ gab es 1950 Überlegungen, ob man den Frauentag mit dem Muttertag zusammenlegen solle bzw. ihn in den Herbst verlegen solle, damit er nicht in zeitlicher Konkurrenz zum wichtigen Feiertag, dem Ersten Mai, stehe. Teilweise wurde erwogen, den Frauentag gänzlich aufzugeben. In der Diskussion wurde befürchtet, „dass wir den Frauentag ganz der KPÖ überlassen […]. Die Abgrenzungspolitik der SPÖ gegenüber kommunistischen Parteien und ihren AnhängerInnen war ein leitendes Motiv und diente der Schärfung des eigenen Profils, was durch den Antikommunismus in den Jahren des Kalten Krieges noch verstärkt wurde.“ 7/

Mit der neuen Frauenbewegung, die vor allem die Fragen der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und der Gewalt gegen Frauen in den Mittelpunkt stellte, gelang es, gemeinsame Aktionen mit vorwiegend jungen Frauen durchzuführen. So fand z.B. 1974 eine große Demonstration auf der Ringstraße gegen den § 144 statt, bei der anschließend eine Delegation beim damaligen Justizminister Christan Broda vorsprach.

1975 proklamierte die UNO das „Jahr der Frau“, und der 8. März wurde als Internationaler Frauentag gewürdigt. Im selben Jahr wurde auch der erste ausführliche Bericht über die Lage der Frauen in Österreich zusammengestellt. Es folgte die „Dekade der Frauen“ mit dem Motto „Gleichberechtigung – Entwicklung – Frieden“. Eindrucksvolle internationale Konferenzen wurden in Mexiko (1976), Kopenhagen (1980), Nairobi (1985) und Peking (1995) abgehalten. Regierungsdelegationen und NGOs analysierten, berichteten und diskutierten über die Probleme der Frauen in den verschiedenen Ländern, über Bildung, Beschäftigung und Gesundheit. Aktionspläne wurden erarbeitet. Das erhöhte die Aufmerksamkeit für Frauenforderungen und stärkte das Auftreten der Frauen in ihren Ländern über Parteigrenzen hinweg. Erst 1980 gelang es in Wien, eine gemeinsame Aktion zum Internationalen Frauentag zu organisieren. Im „Aktionskomitee 8. März“ waren Vertreterinnen des Frauenreferats der Hochschülerschaft, des Bundes Demokratischer Frauen, der katholischen und evangelischen Frauenbewegung ebenso wie Kommunistinnen, junge Sozialistinnen und Vertreterinnen der autonomen Frauenbewegung aktiv. Es wurde eine große Demonstration auf der Mariahilfer Straße, an der etwa 1.000 Frauen teilnahmen. Im Aktionskomitee gab es Diskussionen und Auseinandersetzungen, z.B. zum Schwangerschaftsabbruch. Die Katholikinnen wollten die Forderung nach Abschaffung des § 144 vermeiden. Man einigte sich auf die Losung: „Kinder oder keine entscheiden wir alleine!“. Die Vertreterinnen des BDFÖ wollten auf die Frage der Sicherung des Friedens durch Abrüstung nicht verzichten, während die Autonomen meinten, Frieden sei keine Frauenfrage. Eine heftige Auseinandersetzung gab es auch zu der Frage, ob Männer an der Demonstration teilnehmen dürfen. Schließlich wurde beschlossen, eine reine Frauendemonstration durchzuführen. Das Bemühen trotz verschiedener Meinungen, für gemeinsame Interessen gemeinsam zu kämpfen, war und ist nicht leicht, aber die Voraussetzung dafür, sich durchzusetzen und Fortschritte erzielen zu können.

Mit der Politikerin Johanna Dohnal und der Gewerkschafterin Irmgard Schmidtleitner begann die Abgrenzungspolitik der SPÖ zu bröckeln. Offene Frauentagsveranstaltungen fanden auch im Rathaus und im Parlament statt, Frauenenqueten unter Teilnahme unterschiedlicher parteipolitischer Richtungen zeigten die bestehenden Benachteiligungen der Frauen auf. 1997 wurde ein Volksbegehren von 645.000 Unterschriften unterstützt, das in elf Punkten für die verfassungsmäßige Verankerung der gleichen Rechte als Grundlage zum Abbau der Benachteiligung von Frauen eintrat. 8/ 1998 hielt die Journalistin Elfriede Hammerl zum Internationalen Frauentag bei einer Kundgebung vor dem Parlament eine Rede zu einer Budgetvorstellung der Frauen, die von 41 Frauenorganisationen- und Zeitungen unterstützt wurde. Sie rief die Abgeordneten auf: „Nehmen Sie die Forderungen der Frauen ernst und realisieren sie die Forderungen des Frauenvolksbegehrens, realisieren sie sie jetzt. 2500 Steuerpflichtige in Österreich sind unermesslich reich, während zahlreiche Frauen von ihrer Ganztagsarbeit nicht einmal notdürftig ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Machen sie Schluss mit dieser schreienden Ungerechtigkeit!“ Am Internationalen Frauentag 2001 formulierte ein feministischer Widerstandskongress eine Budgetalternative. Im Schlusssatz heißt es: „Statt Neoliberalismus schlicht als gegeben hinzunehmen, wollen wir in der Gesellschaftspolitik eine neue Option für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung öffnen.“ 9/

Der Frauenbericht 2010 zeigt u.a., wie aktuell diese Aufforderung an die Abgeordneten und an die Regierung heute noch ist, und dass das viel benutzte Wort von der Gerechtigkeit nur wenig mit der aktuellen Politik zu tun hat. Ein Drittel weniger Lohn, dann nur die Hälfte der Pension; immer mehr Teilzeit- und ungeschützte Arbeitsverhältnisse, die nicht Existenz sichernd sind; viel zu wenig qualifizierte Kinderbetreuungseinrichtungen; ein nicht endender Streit um eine moderne Gesamtschule im Ganztagsbetrieb, das Festhalten der ÖVP am Gymnasium und damit an der Trennung der 10-jährigen Kinder in Haupt- und Mittelschüler, obwohl alle ExpertInnen der Meinung sind, dass dies viel zu früh sei und erst mit 14 Jahren entschieden werden könne, wofür ein Kind sich eignet. Bei diesem längst überholten System kann von Chancengleichheit keine Rede sein; und es gibt viele andere Benachteiligungen im Sozial- und Gesundheitsbereich; die viel zu keine Präsenz von Frauen in Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft: All dies zeigt, wie aktuell der Internationale Frauentag als Kampftag der Frau ist.
Zur Erinnerung an den ersten Internationalen Frauentag in Wien hat eine überparteiliche Frauenplattform zu einer großen Demonstration am 19. März 2011 aufgerufen. Im Aufruf heißt es: „Frauen, gemeinsam verändern wir die Welt und uns selbst!“

Unsere Welt braucht die aktive Teilnahme der Frauen, die internationale Solidarität, um grundlegende Veränderungen und ein menschenwürdiges Leben in Frieden durchzusetzen.
Hoch der Internationale Frauentag!

Anmerkungen:

  1. 1/ Renate Wurms: Geschichte des Internationalen Frauentages, in: Volksstimme, 5.3.1998.
  2. 2/ Zit. nach: Deutscher Frauenrat, Newsletter 1/2010.
  3. 3/ Volksstimme, 5.3.1998.
  4. 4/ Zit. nach: Renate Wurms: Wir wollen Freiheit, Frieden, Recht. Frankfurt/M. 1980, S. 6.
  5. 5/ Volksstimme, 5.3.1998.
  6. 6/ Anna Hornik, in: Stimme der Frau, Wien 1960.
  7. 7/ Heidi Niederkofler: Mehrheit verpflichtet! Frauenorganisationen der politischen Parteien in Österreich in der Nachkriegszeit. Wien: Löcker 2009, S. 123 und 125.
  8. 8/ Die Arbeit, Nr. 1/1997, S. 20.
  9. 9/ Die Arbeit, Nr. 3/2001, S. 4.

Aus: Mitteilungen der Alfred Klahr Gesellschaft, Nr. 1/2011

25. Februar 2011 More

2011, Dürr, Sylvia, Tirol, Immer noch

Immer noch
bist du zuerst aufgetakelt, dann aber irgendwann abgetakelt
Immer noch
sieht man dich als Lustobjekt halbnackt auf der Titelseite
Immer noch
schaut er interessant, du aber alt aus
Immer noch
nimmt er sich eine Jüngere und wirft dich Alte nach Benutzung weg
Immer noch
wirst du als Sex- Ware Frau von jedem 2. Mann gekauft
Immer noch
wirst du belästigt auf der Straße wegen deines Minirocks, am Arbeitsplatz, weil du charmant bist, daheim, weil du JETZT keinen Sex willst
Immer noch
gibt es diese wenigen Häuser für dich,- auf der Flucht vor deinem gewalttätigen Mann
Immer noch
kriegst du nicht dieselbe Kohle für die gleiche Maloche, dafür leistest du die Haus- und Erziehungsarbeit zum Nulltarif
Immer noch
werden deine Schwestern in Nachbarländern gesteinigt, verstümmelt, wenn sie nicht willens sind, ihrem Gebieter zu gehorchen

WIE LANGE NOCH?

22. Februar 2011 More

2011, Dürr, Sylvia, Tirol, Aufruf zu 100 Jahre internationaler Frauentag

100 Jahre internationaler Frauentag.
19. März 1911: Erste große Demo von 20 000 Frauen in Wien.
2011: Ein Grund zum Feiern?

Die Frau ist immer noch „das andere, das zweite Geschlecht“:
Der Mann denkt sich ohne die Frau. Sie aber denkt sich nicht ohne den Mann. (Simone De Beauvoir)

Höchste Zeit, diesen unwürdigen Missstand, der sich wie eine träge zähe Masse durch die Jahrhunderte zieht, zu beenden.

Wir fordern unmissverständlich:

  • – dass Frauen nicht weiter auf ihr Geschlecht reduziert und dadurch diskriminiert werden
  • – Gleichberechtigung und Gleichstellung auf allen Ebenen
  • – sinnvolle Arbeit mit entsprechendem Lohn
  • – Ausbau von staatlichen Erziehungsstätten, Gratisganztagesbetreuungen und -schulen
  • – uneingeschränkter Zugang zu Bildung
  • – keine Kriegsmaschinerie, keinen Wehrdienst

Wir wollen NICHT in einer Welt leben, die aufgrund ökonomischer Interessen restlos ausgebeutet und kaputt gewirtschaftet wird. Unsere Kinder sollen im solidarischen Miteinander in einer gesunden Umwelt aufwachsen können und nicht nur auf Konsum fixiert sein.

Dazu gehört das Zusammentun ALLER im Kampf gegen menschenverachtenden Kapitalismus und gegen die Verdummung durch die Medien.

WEHRT EUCH, FRAUEN! STEHT ENDLICH AUF UND NEHMT DIE VERANTWORTUNG SELBST IN DIE HAND!

22. Februar 2011 More

2010, 8. März, Aufruf zur Frauendemo

Aufruf zur 8.März 2010 Frauendemo

7. Februar 2011 More

2009, 8. März, Aufruf zur Frauendemo

Aufruf zur 8.März 2009 Frauendemo

7. Februar 2011 More

2008, 8. März, Aufruf zur Frauendemo

2008_Aufruf_8_März

7. Februar 2011 More

1988, 8. März, Frauendemo-Flugblatt

8.März 1988 Flugblatt



7. Februar 2011 More

1985, 8. März, Frauendemo-Flugblatt

8.März 1985-Flugblatt



7. Februar 2011 More

1982, 8. März, Frauendemo-Flugblatt

1982_Flugblatt_8_März

1982 Flugblatt 8. März 1 Vorderseite

1982 Flugblatt 8. März 2 Rückseite

7. Februar 2011 More

2010, Grüner Frauenbericht

Grüner Frauenbericht 2010:

Vollbild – >
30. Januar 2011 More

1848, Schmölzer, Hilde, Der erste Arbeiterinnenaufstand in Wien

Auszug aus dem Buch: "Die Revolte der Frauen", von Hilde Schmölzer:

Ähnlich wie bei den Brotunruhen im Paris der Jahre 1789 – 1793/94 kam auch bei den Arbeiteraufständen 1848 in Wien den Frauen der Unterschichten eine führende Rolle zu. Auch jetzt waren sie es, die am meisten unter den erhöhten Preisen für Grundnahrungsmittel, den Getreidemißernten, Arbeitslosigkeit oder ausbeuterischen Arbeitsbedingungen zu leiden hatten. Die Krise der Wiener Textilindustrie traf vor allem Frauen, denen die meisten anderen Berufszweige verschlossen blieben und die außerdem von Männern als Lohndrückerinnen empfunden wurden. Trotzdem waren auch im Jahr 1848 hauptsächlich sie für das Überleben ihrer Familien zuständig, weshalb sie ebenfalls Bäckerläden plünderten, Warentransporte überfielen oder sich anders Nahrungsmittl zu verschaffen suchten. Und auch diesmal wurden Frauen in den Hunger, den Bettel und die Prostitution getrieben.
Als daher Minister Schwarzer im August 1848 den Lohn für die über 8.000 bei Erdarbeiten beschäftigten Frauen von 20 auf 15 Kronen kürzte, war das Maß voll (ein kleines Brot kostete 6 Kronen, ein Mitagessen 16 Kronen). Die Frauen, deren Löhne damit weiter unter jene der Männer gedrückt wurden (Arbeiter erhielten täglich 25 Kronen) gingen auf die Straße, und am 21. August, ein gutes halbes Jahrhundert nach dem Marsch der Marktfrauen nach Versailles, fand die erste Frauendemonstration in Wien statt.
Diese Frauen waren nicht lieblich, keine „hilfreichen Engel“, die ihre Funktion als unterstützende, anfeuernde Gehilfin der kämpfenden Männer erfüllten, keine „Zierde“ des männlichen Geschlechts, als die sie noch beim Barrikadenbau in den Maitagen gepriesen wurden, sie waren hungrig, verzweifelt, und sie forderten Brot. Die empörte Reaktion folgte auf dem Fuß. Die kurze Solidarisierungsphase zwischen Bürgersfrauen und Proletarierinnen während der Barrikadenkämpfe zerbrach. Vor allem konservative Kreise empfanden das „ungeheuerliche Verhalten“ der Arbeiterinnen als Provokation. Aber auch die demokratische Presse erging sich in Beschimpfungen: „Besonders die Weibsbilder betrugen sich wie Furien. Auf die roheste, empörendste, unsittlichste Weise wurde die Garde beleidigt…“. 1) Bei neuerlichen Ausschreitungen zwischen Arbeiterinnen, denen sich inzwischen zahlreiche Männer angeschlossen hatten und Sicherheitsbeamten zwei Tage später richteten Militär und Teile der Nationalgarde ein Blutbad unter den DemonstrantInnen an. Die „Wiener Gassenzeitung“ berichtete von 282 registrierten Verwundeten und 18 Toten. 2)
Aus der letzten Phase der Wiener Revolution, als sich die Situation dramatisch zuzuspitzen begann, der kaiserliche Hof zum zweiten mal Wien verlassen hatte, das Kriegsministerium gestürmt, der Kriegsminister Latour aufgehängt und das kaiserliche Zeughaus geplündert worden war besitzen wir die meisten Berichte von bewaffneten, kämpfenden Frauen. Es handelt sich dabei vornehmlich um Arbeiterinnen, Frauen der Unterschicht, die nichts zu verlieren hatten und die wußten, was ihnen bevorstand, wenn sie den kaiserlichen Truppen in die Hände fielen. Die anfangs noch positive Haltung, mit der in den Oktoberkämpfen bewaffnete Frauen als „muthvolle Weiber“ gefeiert wurden, als Retterinnen, die nach dem Vorbild einer Jeanne d’Arc die Stadt vor einer Niederlage bewahren sollten kehrte sich allmählich in kritische Distanz, das massive Auftreten kämpferischer Frauen löste Unbehagen aus.“ Bewaffnete Weiber mischten sich jetzt unter die Männer“ schreibt der linke Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung Julius Fröbel in seinen Erinnerungen, „… Ein Schauer, ich gestehe es, durchlief mich, als die eine von ihnen, ein Bajonett als Dolch in der Hand, mit dem Ausdrucke unbeschreiblicher Exaltation von mir eine Muskete verlangte…“. 3) Andere Zeitzeugen berichten von der Bildung eines Frauenkorps an der Universität am 17. Oktober, wieder andere von mehreren hundert Frauen, die mit Gewehren und Pistolen bewaffnet und mit Kalabresern verwundeter oder gefallener Studenten auf den Köpfen herumgezogen sind. 4) Allgemein wurde die „wachsende Hemmungslosigkeit“ beklagt, die „Frauen rasen“, es fehle die Autorität. Bertold Auerbach, der Verfasser des „Tagebuch aus Wien von Latour bis auf Windischgrätz“ spricht von einem „Amazonentrupp“, der „eine häßliche Farce“ gewesen sei. 5)
Zwei Namen sind uns aus diesen Tagen überliefert: Jener der Pauline Pfiffner (1825 – 1853), einer Polin, die Mitglied der akademischen Legion war und in der Armee Kossuts zum Leutnant aufstieg. Sie starb nach dem Scheitern der ungarischen Revolution im Gefängnis. Und eine Maria Lebstück (1830 – 1892), die als Mann verkleidet auf den Barrikaden Wiens, aber auch während des Aufstandes in Ungarn kämpfte. Sie wurde in Ungarn Oberstleutnant und beteiligte sich an vielen Schlachten gegen das kaisertreue österreichische Militär.

Die Angst der Frauen, die in diesen Oktobertagen mit dem Mut der Verzweiflung gekämpft haben, war nur zu berechtigt. Denn nachdem die Wiener am 31. Oktober gegen die erdrückende Mehrheit der kroatisch – österreichischen Kaisertruppen kapituliert hatten, wiederholten sich die alten, immer wieder neuen Racheakte an Frauen. Berichte sprechen von furchtbaren Greueltaten, wie sie uns auch aus jüngster Vergangenheit bekannt sind: Vergewaltigungen, grausame Verstümmelungen, schließlich Tötung von Frauen. „Der Wirtin vom Schüttelbach wurden die Brüste abgeschnitten, der Bauch aufgeschlitzt, und dann ihr Mann ins Feuer geworfen. Kinder und Frauen wurden ermordet, alles geplündert und zerschlagen…Ein sechzehnjähriges Mädchen auf dem Erdberg starb infolge einer Notzüchtigung, welche sie von sechs Kroaten hintereinander erlitten hatte.“ 6)

Nach der Zerschlagung der Revolution wurden die kleinen, errungenen Freiheiten: Pressefreiheit, Volksbewaffnung und eine „Constitution“, die allerdings gar nicht den allgemeinen Vorstellungen von „Volkssouveränität“ entsprach wieder zurückgenommen. Am härtesten trafen die neuen Verordnungen wiederum Frauen. Weil man nach „den Zügellosigkeiten der letzten Monate…in jeder Wienerin eine Hetäre“ sah, 7) wurde verfügt, daß jede Frau, die alleine auf der Straße ging aufgehalten und mitgenommen werden konnte. Außerdem wurde ab 21 Uhr ein Ausgehverbot für Frauen ohne männliche Begleitung verhängt.

Auszug: Hilde Schmölzer: Revolte der Frauen. Porträts aus 200 Jahren Emanzipation der Frau. Klagenfurt/Wien: Kitab-Verlag 2008
Hilde Schmölzer,Drin ist Sachbuchautorin in Wien.

24. Januar 2011 More

2010, Hamann, Sibylle, Die Presse, Nachruf auf Johanna Dohnal

Es war einmal in Österreich
23.02.2010 | 19:01 | SIBYLLE HAMANN (Die Presse)
… und es ist gar nicht so lang her. Zur Erinnerung an Johanna Dohnal.

Es war einmal ein Land, da war der Ehemann das Oberhaupt der Familie. Er hatte das gesetzlich verbriefte Recht, über den Wohnort ebenso zu bestimmen wie über die Erziehungsziele der Kinder. Die Kinder waren ihm zu Gehorsam verpflichtet, und seine Ehefrau dazu, ihm zu folgen und den Haushalt zu führen. Wenn sie bei der Erfüllung dieser Pflicht nicht genügend Sorgfalt walten ließ, nach Ansicht des Familienoberhaupts zumindest, dann war das eine Eheverfehlung. Und er konnte die Scheidung einreichen.
Damit wurde ihr Leben nicht einfacher. Denn nach der Scheidung konnte sie gerade mal ihre Aussteuer mitnehmen. Alles Geld, das ein Mann während der Ehe verdient hatte, galt als sein Vermögen. Dass sie auch Geld hätte verdienen können, stand nicht wirklich zur Debatte – denn um berufstätig zu sein, hätte sie die Zustimmung des Gatten gebraucht.
Viel verdient hätte sie ohnehin nicht. Drei Viertel aller Frauen hatten damals bloß einen Pflichtschulabschluss, nur jede hunderste eine Uni-Ausbildung. Dass Arbeitgeber Frauen einen geringeren Stundenlohn zahlten als Männern, für die exakt gleiche Arbeit, war nicht nur inoffizielle Praxis, sondern ausdrücklich in Kollektivverträgen festgeschrieben.
Damit das so blieb, ließen die Parteien nur insgesamt acht weibliche Abgeordnete in den Nationalrat. Und damit die Mädchen nicht auf dumme Gedanken kämen, unterrichtete man sie getrennt von den Buben. Die Buben eher im Gymnasium, die Mädchen eher nicht. Zumindest, wenn sie am Land lebten, denn dort war der Weg ins Gymnasium weit, die Bücher waren teuer, Gratisschulbücher gab’s noch nicht, und sie würden eh heiraten. Im Werkunterricht lernten die Buben hämmern und sägen, die Mädchen stricken und nähen. Um sie aufs Leben vorzubereiten.
Frauenleben hieß: Kinder kriegen. Wirksame Verhütungsmittel waren ziemlich neu, damals. Wenn sie eine ungewollte Schwangerschaft beenden wollte, setzte eine Frau ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel. Abtreibung wurde mit schwerem Kerker zwischen einem und fünf Jahren bestraft. Wenn sie hingegen als ledige Frau ein Kind zur Welt brachte, war sie nicht einmal der gesetzliche Vormund. Das war, in Ermangelung eines Ehemanns, die Bezirkshauptmannschaft.
Nicht einmal über den eigenen Körper konnte eine Frau bestimmen. Frauenhäuser gab es nicht. Sexuelle Belästigung war nicht strafbar, Vergewaltigung nur manchmal. Denn das Strafmaß eines Vergewaltigers bemaß sich nicht an dem, was er getan hatte, sondern am Lebenswandel und am Verhalten seines Opfers. War die Frau mit dem Täter verheiratet, gab es gar nichts zu bestrafen, denn dem Ehemann gehörte sie ohnehin, siehe oben.
Es war einmal, und es ist gar nicht so lang her. Es war in Österreich, bis Anfang, Mitte der Siebzigerjahre. Nur weil man manches so schnell vergisst.

Sibylle Hamann ist Journalistin in Wien.

24. Januar 2011 More

2010, Danneberg, Bärbel, Nachruf auf Johanna Dohnal

Johanna Dohnal, 1939 – 2010
Am 20. Februar, kurz nach ihrem 71. Geburtstag, ist Johanna Dohnal für uns alle viel zu früh und unerwartet verstorben. Wir trauern um eine Kämpferin, Feministin, Weggefährtin.

Staatssekretärin Johanna Dohnal, 1979

Von: Bärbel Danneberg (22.02.10)
Sie war immer eine Unbequeme. Eine, die aufrecht und mutig die Anliegen der Frauen vertrat und dafür viele Schläge einstecken musste. Eine, die dennoch beharrlich ihrer Überzeugung treu blieb und den Spagat zwischen ihrer Partei, der SPÖ, und der autonomen Frauenbewegung sowie den Frauen aus verschiedensten politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen übte. In Erinnerung sind ihre Enqueten und Frauenforen zu brisanten Themen, auf denen sie das Gespräch zwischen Frauen unterschiedlichster Weltanschauung ermöglichte. Und in Erinnerung sind ihre Gespräche mit Feministinnen im Frauencafe in der Lange Gasse, ihre Teilnahme an den 8. März-Demonstrationen in den 80er Jahren, ihr engagiertes Auftreten als Politikerin und auch die Feier im Volkstheater im vergangenen Jahr zu ihrem 70. Geburtstag – Johanna war Hoffnung für viele.
Bruno Kreisky, der früh Johanna Dohnals „politisches Talent“ erkannte, holte sie 1979 als Staatssekretärin für allgemeine Frauenfragen in sein Kabinett. 16 Jahre lang war sie Regierungsmitglied – in sechs Legislaturperioden und unter drei Regierungschefs. Im Jänner 1991 wurde sie von Bundeskanzler Vranitzky als Frauenministerin angelobt. Sie reklamierte sich in die Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP hinein. „Ab diesem Zeitpunkt bekam ich mit, (…) wo der Koalitionspartner überall vorhatte zu kürzen“, schildert sie in Susanne Feigls Biographie „Was gehen mich seine Knöpfe an“. Für Johanna Dohnal war dies ein Hindernislauf zwischen Parteiloyalität und eigenständiger Entscheidung. Die Änderung des Kriegsmaterialiengesetzes im Zusammenhang mit dem Golfkrieg war „möglicherweise ein Punkt, wo es für die Geschichte wichtig gewesen wäre, nein zu sagen, nein, ich stimme dem nicht zu“. Ähnlich dachte sie über ihre Zustimmung zu den eklatanten Einschnitten bei der Karenzregelung. Diese Loyalität wurde von ihrer Partei nicht gedankt. In einem unwürdigen Akt und nach aufreibenden Verhandlungen um ein neuerliches Belastungspaket wurde sie im März 1995 von Vranitzky in die politische Wüste geschickt. Sie erfuhr als erstes davon aus den Medien. 1995 trat sie als Frauenministerin und als Bundesfrauenvorsitzende der SPÖ zurück.
Johanna Dohnal entstammte einer „Dynastie unehelicher Mütter“. 1939 als Johanna Diez geboren, wuchs sie ebenso wie ihre Mutter und Großmutter als uneheliches Einzelkind in einem Frauenhaushalt auf. Möglich, dass diese Frauengemeinschaft sie früh sensibilisiert hat für alles, was mit dem Überlebensalltag von Frauen zu tun hat. Die soziale Not der Nachkriegszeit hatte sie gelehrt, dass es in schlechten Zeiten nicht allen Leuten gleich schlecht geht und dass der Ausschluss von Bildung wenig mit mangelnder Begabung, sondern viel mit sozialer Herkunft zu tun hat. Diese Sozialisation wirkte sich auf ihre spätere politische Arbeit aus – bis in die jüngere Vergangenheit, wo sie mit ihrem Engagement für das Frauenvolksbegehren und dann für das Sozialstaats-Volksbegehen oder „SOS Mitmensch“ Partei ergriff für jene Menschen, die von der Politik „vergessen“ werden.
„Machtverhältnisse sind weder geschichtslos noch geschlechtsneutral“, war Johanna Dohnal überzeugt. So sorgte sie u.a. dafür, dass auch unverheiratete Frauen die Vormundschaft für ihr Kind bekommen, dass Kinder nicht automatisch die Staatsbürgerschaft des Vaters erhalten, dass nicht die misshandelten Frauen, sondern die gewalttätigen Männer die Wohnung verlassen müssen. Ihrem Einsatz verdanken es die Frauen, dass es Elternkarenzurlaub und das Bundesgleichbehandlungsgesetz gibt.
Mit Johanna Dohnal verliert die Frauenbewegung eine aufrecht Gehende und die Politik eine Weitsichtige. Wir trauern um eine Mitstreiterin, die viele Demütigungen und Schläge für uns einstecken musste und die uns Mut und Widerstand vorlebte. Unsere Anteilnahme gilt ihrer langjährigen Lebensgefährtin Annemarie Aufreiter und ihren Angehörigen.

Vorabdruck aus Volksstimme, März 2010

24. Januar 2011 More

2010, Danneberg, Anja, Ausgebrannt

Wie soll das gehen? Mir geht einfach die Luft aus! Es ist ein Burnout, wird allerorts vermeldet. Ein Burnout? Oder vielleicht zwei oder drei …? Ist es nicht einfach meine Unfähigkeit, meine Schwäche nicht mithalten zu können? Nicht den Anforderungen des Wirtschaftsystems gewachsen zu sein?
Von Anja Danneberg
Multitasking – das geht real gar nicht, höre ich in Ö 1 (man muss ja schließlich schauen, sein Wissen zu erweitern – zum Bücherlesen komme ich gar nicht – wann auch? Mit welcher Energie, die nicht mehr über bleibt …) Ich kann mir nicht einmal vorstellen, einen Artikel zu schreiben – was ich einmal zugesagt habe zu tun, um mich auch zu beteiligen an politischen Aktivitäten – nicht nur reden und kritisieren – aktiv einen Beitrag leisten …, nicht mal das ist in meinem Zeitbudget drinnen: Einen kleinen Mini-Beitrag zu leisten. Ich helfe den Kindern, die am Küchentisch sitzen. Bei ihren Anforderungen. Mathe – keine Ahnung – aber seelisch motivieren – „ruf doch die oder den an und stell diese oder jene Frage (damit das Ganze auch schnell geht – Kinder verlieren ja den Überblick, wenn sie keinen mehr haben – müssen lernen, schnell und effizient zu agieren, die Anforderungen vom Wirtschaftssystem an das Schulsystem: Keine Zeit verlieren – schneller, besser sein – Wettbewerb, Druck). Die Kinder sind mitteilungsbedürftig, müssen unterstützt werden, weil die Welt da draußen so unverständlich und verrückt ist und man sich so zu organisieren hat, dass man jeden Tag funktioniert, nur keine Schwäche zeigen.
Ansuchen stellen auf Ermäßigungen, Unterstützungen, Anträge beschaffen, Lohnzettel, Alimentationsnachweise, Staatsbürgerschaftsnachweise, Meldezettel, Studienbestätigungen, Schulbesuchsbestätigungen … Nachweise für die Bedürftigkeit … bin ich überhaupt bedürftig? Gibt es nicht 100.000 mehr Bedürftige als mich? Darf ich mich überhaupt zu den Bedürftigen zählen? Der Lohnzettel und das Alleinerzieherin-Dasein bestätigen es.
Und wieder fehlt etwas. Nicht nur irgendein Nachweis, sondern auch im Leben. Jede Zahlung reißt ein Loch ins Budget …, es geht sich nie aus, nur mit Unterstützung von Familie – immerhin habe ich eine … Das Telefon läutet – zwischen Essen kochen, Kinder betreuen und zeitgleich den Geschirrspüler ausräumen – immerhin habe ich einen –, das Telefon im Ohr eingeklemmt, wichtige Fragen klären: Kinderbetreuung – im Kopf durchgehend, was alles organisatorisch benötigt wird – Schulsachen, Klaviersachen (die Kleinere geht in eine öffentliche Schule mit musikalischer Zusatzausbildung – man will ja die Kinder fördern in ihren Begabungen), gestresst den Hörer wieder auf die Gabel knallen, weil – das Telefon kaputt – wieder die Leitung unterbrochen ist. (Kein Geld, keine Zeit, sich ein neues anzuschaffen – es gibt wichtigere Anschaffungen, da warte ich lieber, bis es gar nicht mehr funktioniert und es sein muss … Eigentlich muss ein neues Telefon schon lange sein …, das ist nur ein klitzekleines Beispiel, das kann man symptomatisch für alles andere in meinem Leben stehen lassen: Therme kaputt, Kinder brauchen neue Winterstiefel und Mäntel, Computer macht schon lange Schwierigkeiten, Internet-Modem ist komplett verschmolzen, weil die Kinder, wieder einmal alleine zu Hause, eine Decke unabsichtlich drüber liegen haben lassen und die Vorstellung, was passiert wäre, wenn ich es weiter denke, versetzt mir einen zusätzlichen Adrenalin-Schock (unterversichert und eine ausgebrannte Wohnung!). Aber: Das Modem funktioniert, trotz komplett zusammen geschmolzenem Gehäuse, immer noch. Und so wird es in diesem Zustand weiter bleiben, bis es endgültig nicht mehr funktioniert.
Bis nichts mehr funktioniert in meinem Leben. Ausgebrannt.

24. Januar 2011 More