Obsorge-Debatte: An den Familienbund und Justizministerin Bandion-Ortner, von Petra Unger

An die Organisator_innen der Veranstaltung des Österreichischen Familienbundes in der WKO Sky Lounge am 14.04.2011 zum Thema Gemeinsame Obsorge

Eine Bemerkung vorab: Eine Initiative, die versucht eskalierende Beziehungskonflikte, die zu Lasten der Kinder gehen, zu deeskalieren, ist grundsätzlich zu begrüßen. Es ist weiters zu begrüßen, wenn versucht wird, Mittel und Wege der Deeskalation von staatlicher Seite zu unterstützen. Ob nun die automatische gemeinsam Obsorge eines dieser Mittel ist, wird sehr kontrovers diskutiert. In der Annahme, dass die Veranstaltung des Österreichischen Familienbundes in der WKO Sky Lounge am 14.04.2011 zum Thema Gemeinsame Obsorge Raum für eine differenzierte Debatte bieten würde, habe ich mich entschlossen, daran teilzunehmen.

Weiters möchte ich vorab festhalten: ich bin keine Anhängerin der Idee einer automatischen, gemeinsamen Obsorge. Gemeinsam mit vielen anderen Expertinnen plädiere ich eine sehr differenzierte Zugangsweise und hätte gerne einige von der Meinung der Diskutantinnen am Podium abweichende Argumente in die Debatte eingebracht, um den Grad der Differenziertheit der Diskussion zu heben. Allein es war kaum möglich. Die Atmosphäre der Veranstaltung war in vielerlei Hinsicht bedrohlich und aggressiv, so dass es nicht nur mich Mut gekostet hat, eine Wortmeldung durchzusetzen, sondern viele sich gar nicht erst zu Wort gemeldet haben.

Die Details: Ich habe zunächst stehend im hinteren Bereich des Veranstaltungsraumes den ersten Statements der Podiumsgäste zugehört, als ich darauf aufmerksam wurde, dass zwei mir bekannte junge Frauen durch Männer der Sicherheit aufgefordert wurden, den Saal und in der Folge das Gebäude zu verlassen. Eine der Frauen hielt eine Waage der Justitia in der Hand und eine Augenbinde. Noch bevor sie irgendeine Handlung gesetzt hatte, wurde sie des Ortes verwiesen. Sie wurde nicht nur beschuldigt, die Veranstaltung stören zu wollen, sondern auch als Gefährdung der Veranstaltungsgäste bezeichnet. Der in seinem Auftreten paternalistisch, abwertend und bedrohlich wirkende Mann der Sicherheit hat mehrmals versucht, die Frauen zu provozieren und zu beleidigen. Ich habe mich zum Schutz der jungen Frauen an der Diskussion spontan beteiligt und beobachtet, wie beide Frauen in dieser Form mehrmals verbal bedrängt und bedroht wurde. Eine schließlich herbei geholte Organisatorin unterstützte den Mann der Sicherheit dahin gehend, dass abweichende Meinungen und in künstlerischer Form geäußerte Statements nicht erwünscht sind und die beiden Frauen daher das Haus zu verlassen hätte. Ich habe darauf bestanden, weiterhin an der Veranstaltung teilzunehmen und das Recht der freie Meinungsäußerung – in von den Veranstalterinnen gewünschter Form – in Anspruch zu nehmen. Die beiden Frauen verließen nach dieser Diskussion das Gebäude und wurden noch vor dem Gebäude genötigt, die Straßenseite zu wechseln.

Ich halte diese Vorgangsweise für demokratiepolitisch äußerst bedenklich. Derart rigide Kontrollmechanismen gefährden eine konstruktive, differenzierte Form der Debatte und sind in ihrer Durchsetzung für die betroffenen Bürgerinnen in der Auswirkung in höchstem Maße bedrohlich.

Nach diesem Disput bin ich wieder in den Saal zurückgekehrt, um in einem geeigneten Moment in der von den Veranstalterinnen gewünschten Form meine Anmerkungen zur Diskussion zu stellen. Die Beobachtungen, die ich während der Veranstaltung machen konnte, waren beunruhigend: Aggressiv auftretende und in aggressiver Weise fotografierende und filmende Väterrechtler, die zahlreich zu Wort kamen. Die Moderatorin hat dieses Vorgehen in keiner Weise kommentiert, geschweige denn unterbunden. Ich habe es dennoch gewagt, meine Meinung zu äußern. Sofort wurde meine Wortmeldung von den anwesenden Väterrechtlern lautstark gestört, einige sind auf mich zugestürmt und haben aus nächster Nähe aggressiv fotografiert, so dass sich eine Kollegin genötigt sah, sich zwischen mich und diese Männer zu stellen, um mich zu schützen. Nach meiner Wortmeldung wurden mir von einem dieser Männer Bilder von pathologischem Pilzbefall des Genitals eines Kindes und Zahnfäule vorgelegt, mit dem sinngemäßen Kommentar, dass so ein Kind aussehe, das der Mutter überlassen wird. Ich habe daraufhin angesichts der geballten verbalen und non-verbalen Aggression die Veranstaltung verlassen.

Die Form der Veranstaltung, die Einladungspolitik, die Art der Moderation und die Vorgangsweise der Männer der Security hat eine differenzierte, demokratische Form der Auseinandersetzung verhindert. Stattdessen wurden Einschüchterungen toleriert und unterstützt, um von der vorgegebenen Meinung des Podiums abweichende StelIungnahmen zu verhindern.

Selbst wenn ich davon ausgehe, dass den Veranstalterinnen eine differenzierte Diskussion unter Umständen ein Anliegen gewesen sein könnte, degenerierte die Veranstaltung zu einer Plattform für aggressive Väter, Väterrechtler (und auch vereinzelte Mütter), die weder in der Lage, noch bereit sind, eine differenzierte Auseinandersetzung zu führen.

Im Besonderen hat mich schockiert, wie unkritisch und unkommentiert, die Interessen dieser Personen unterstützt werden. Dass der Familienbund und die Ministerin diesen Männern eine derartige Plattform bieten, deren Aggressivität nicht in die Schranken weisen, sondern auch noch einstimmen in die Diffamierung von verantwortungsvoll agierenden Müttern und Alleinerzieherinnen erscheint mir als in höchstem Maße bedenklich. Nicht zuletzt auch deshalb, weil einige der in der Veranstaltung anwesenden Männer in diversen Frauenberatungsstellen als gewalttätig und übergriffig bekannt sind. Dass diese Männer ihre Kinder nicht sehen dürfen, hat gute Gründe. Aufmerksame, liebevolle, partnerschaftlich orientierte, respektvolle Väter würden niemals so agieren, wie jene Männer, die ich bei der Veranstaltung beobachten konnte. Es geht diesen Männern (und auch den wenigen Frauen, die ähnlich agieren) nicht um das Wohl der Kinder, sondern um Macht und Ausagieren von während der gescheiterten Beziehung erfahrenen narzisstischen Kränkungen – die Wortmeldung des Mediators hat das meines Erachtens gut beschrieben. Dieser Gruppe Lobby zu verschaffen, einen Gesetzesentwurf zu propagieren, der den negativen Handlungsspielraum dieser Väter zusätzlich erweitert, absichert und Vorschläge zu tatsächlich deeskalierende Maßnahmen im Vorfeld der Gerichte ignoriert, ist demokratiepolitisch und im Sinne einer Förderung von Geschlechterdemokratie kontraproduktiv.

Ich habe die Veranstaltung frühzeitig verlassen, weil ich mich durch das Verhalten dieser Männer, der Security und des Nicht-Einschreitens der Moderatorin massiv bedroht gefühlt habe, und mich beim anschließenden Buffet den Angriffen der Väterrechtler nicht weiter aussetzen wollte.

Als Gender Expertin weiß ich, dass Frau-sein allein kein politisches Programm ist und Frauen leider derartige Männer-Initiativen immer wieder im Sinne der von Christina Thürmer – Rohr formulierten Mittäterinnenschaft unterstützen. Ich möchte Ihnen daher abschließend folgendes Zitat zur Kenntnis bringen:
„(…) dass diese Welt, deren Unordnung und Ordnung wir anklagen, ohne die Mitwirkung der Frau als aktive und passive Würdigerin des Mannes nicht wäre wie sie ist; dass auch Frauen nicht wären, wie sie sind, wenn sie nicht den Hauptschub ihrer Kraft, Zeit und Fähigkeiten der Machtermächtigung des Mannes widmen würden (…) Frauen werden nicht nur unterdrückt, missbraucht und in ein schädigendes System verstrickt, sondern steigen auch eigentätig ein, gewinnen Privilegien, ernten fragwürdige Anerkennung (…)“

Die Demonstration der Machtermächtigung dieser bei der Veranstaltung aggressiven Männer durch Frauen des Familienbundes, der Justizministerin und anderer Unterstützerinnen bleibt mir als besonders negativ nach dieser Veranstaltung in Erinnerung und auch wenn ich respektiere, dass es Menschen in diesem Land gibt, die ein traditionelles und konservatives Familien-, Frauen- und Männerbild vertreten, bin ich zutiefst bestürzt, welch’ aggressiven, unreflektierten und bedrohlichen Gruppierungen hier eine Plattform gegeben wird (unter dem scheinheilig wirkenden Deckmantel des Kindeswohls), bei gleichzeitiger Ausgrenzung von fundierter Expert_innenmeinungen.

Ich appelliere daher abschließend für eine weniger bedrohliche, weniger ausgrenzende Diskussionskultur und empfehle auch der Ministerin eine klare Abgrenzung und Distanzierung von diesen Gruppierungen.

Ceterum censeo: der vorliegende Gesetzesentwurf zur gemeinsamen Obsorge sollte nicht Rechtswirklichkeit werden.

Petra Unger

Einladung: Österreich 2020 Zukunftsdiskurs: Moderne Familienpolitik – Besuchsrecht und Obsorge

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Weiter: dieStandard am 18.04. 2011 “Frauenministerin gespannt auf NachfolgerIn Bandion-Ortners”

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